Seit Oktober 2001 können alle österreichischen Stromkund*innen ihren Lieferanten frei wählen. Zum 25-jährigen Bestehen dieser Marktöffnung haben die Österreichische Energieagentur und CESAR im Auftrag von Oesterreichs Energie untersucht, wie sich das auf Strompreise und Volkswirtschaft ausgewirkt hat.
© Wien EnergieMethodisch baut die Studie auf einer Vorgängerstudie aus 2021 auf: Mit einem ökonometrischen Zeitreihenmodell (ARDL) wird ein Szenario berechnet, wie sich die Strompreise ohne Liberalisierung entwickelt hätten. Die Differenz zu den tatsächlichen Preisen gilt als liberalisierungsbedingter Effekt. Diese Preiseffekte fließen anschließend in ein makroökonomisches Input-Output-Modell (MIO-AUT) ein, das die Auswirkungen auf BIP, Beschäftigung und Wertschöpfung berechnet.
Wichtig für die Einordnung: Die Ergebnisse sind kein direkter Vorher-Nachher-Vergleich, sondern modellierte Differenzen zu einem hypothetischen Szenario. Für die Krisenjahre 2022–2024 ist diese Modellierung besonders unsicher, weil es keine vergleichbare historische Situation gibt, an der sich staatliche Krisenmaßnahmen kalibrieren ließen.
Die Studie geht davon aus, dass sich die Risiken für Europa bis 2040 nicht nur verstärken, sondern zunehmend miteinander verbinden. Klimawandel, geopolitische Spannungen, Digitalisierung, Urbanisierung und die wachsende Vernetzung kritischer Infrastrukturen schaffen neue Abhängigkeiten.
Extremwetterereignisse können beispielsweise Infrastrukturen beschädigen und gleichzeitig die Energie- oder Kommunikationsversorgung beeinträchtigen. Gleichzeitig können gerade solche Situationen für Cyberangriffe oder hybride Bedrohungen ausgenutzt werden. Die Studie spricht deshalb von „compound and cascading risks“ – also kombinierten Risiken und Kaskadeneffekten.
Auch die Energiewende bringt neue Abhängigkeiten und Risiken mit sich. Mit der zunehmenden Elektrifizierung und Digitalisierung wachsen die cyber-physischen Angriffsflächen, während gleichzeitig neue Technologien und Infrastrukturen miteinander verknüpft werden.
Vor 2001 war die Stromversorgung ein Verbund regionaler Monopole: Erzeugung, Netz und Vertrieb lagen in einer Hand, Kund*innen hatten keine Wahl. Mit der Liberalisierung wurden Erzeugung und Vertrieb dem Wettbewerb geöffnet, während die Netze – als natürliches Monopol – reguliert blieben. Diese Trennung wird bis heute von der E-Control überwacht, die 2001 eigens dafür gegründet wurde.
Der Wettbewerb hat sich seither deutlich entwickelt: 2025 waren 143 Stromlieferanten in Österreich aktiv, 39 davon österreichweit. Rund 345.000 Kund*innen wechselten allein in diesem Jahr ihren Anbieter, unterstützt durch Vergleichsinstrumente wie den Tarifkalkulator der E-Control.
| Haushalte
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Nicht-Haushalte
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|---|---|---|
| Tatsächlicher Preis | 19,31 ct/kWh | 10,71 ct/kWh |
| Preis ohne Liberalisierung | 23,06 ct/kWh | 10,99 ct/kWh |
| Preisreduktion | 16,3 % | 2,5 % |
| Einsparung bis 2025 | 12,7 Mrd. € | 2,5 Mrd. € |
Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist kein Zufall: Größere Unternehmen hatten schon vor 2001 oft individuelle Beschaffungsverträge und eine stärkere Verhandlungsposition. Für Haushalte dagegen war die freie Anbieterwahl ein echter Umbruch, entsprechend größer fällt der gemessene Effekt aus.
Wichtig für die Einordnung: Diese Prozentwerte sind kein direkter Vorher-Nachher-Vergleich, sondern die Differenz zu einem modellierten Szenario. Für die Krisenjahre 2022–2024 ist diese Modellierung besonders unsicher, weil es in der Geschichte keine vergleichbare Situation gibt, an der sich staatliche Krisenmaßnahmen kalibrieren ließen.
Der Endkund*innenpreis setzt sich aus drei Komponenten zusammen, die sich unabhängig voneinander entwickeln: dem Energiepreis (wettbewerblich, volatil, an Großhandelspreise gekoppelt), dem regulierten Netzentgelt und Steuern/Abgaben. Während der Energiepreis der Wettbewerbslogik der Liberalisierung folgt, verschiebt sich der Kostentreiber beim Netz zunehmend Richtung Energiewende – mehr Photovoltaik und Elektrifizierung bedeuten mehr nötige Netzinvestitionen. Sinkende Energiepreise heißen also nicht automatisch sinkende Gesamtkosten.
Unabhängig von der Liberalisierung hat sich der österreichische Strommarkt seit 1990 stark verändert:
Der Bericht betont dabei: Diese Entwicklungen sind nicht allein der Liberalisierung zuzuschreiben, sondern auch der europäischen Marktintegration und dem gezielten Ausbau erneuerbarer Energien. Der Wettbewerb dürfte den Umbau aber beschleunigt und effizienter gemacht haben.
Die Gaspreiskrise 2022–2024 war zugleich ein Stresstest für das liberalisierte System. Der Preisschub kam nicht aus mangelndem Wettbewerb, sondern von den Großhandelspreisen für Gas – ein externer Schock, den staatliche Zuschüsse und Abgabensenkungen abfedern mussten. Wie ein vergleichbares Hilfspaket in einem nicht-liberalisierten Markt ausgesehen hätte, lässt sich nicht rekonstruieren. Die Krise unterstreicht aber vor allem eines: Je unabhängiger der Strommarkt von fossilen Brennstoffpreisen wird, desto weniger anfällig ist er für solche Schocks.
Für Haushalte und Unternehmen ergeben sich klare, wenn auch unterschiedlich große liberalisierungsbedingte Preisvorteile. Das lässt darauf schließen, dass der Wettbewerb am Endkund*innenmarkt tatsächlich dämpfend auf die Strompreise gewirkt hat – mit spürbaren Folgeeffekten auf Kaufkraft, Beschäftigung und BIP.
Gleichzeitig zeigt die Studie deutlich: Die Marktöffnung ist nur einer von mehreren Faktoren, die den österreichischen Strommarkt der letzten 25 Jahre geprägt haben. Europäische Marktintegration, der Ausbau erneuerbarer Energien und die staatlichen Antworten auf die Gaskrise lassen sich davon nicht sauber trennen.
Für die kommenden Jahre nennt der Bericht fünf Stellschrauben, die die Strompreise prägen werden:
Die zentrale Frage verschiebt sich damit von der reinen Marktöffnung hin zur Gestaltung eines leistbaren, klimaneutralen Energiesystems. Die Liberalisierung bleibt dafür die Grundlage – gelöst ist die Aufgabe damit aber nicht.