25 Jahre Strommarktliberalisierung in Österreich

30.09.2026

Seit Oktober 2001 können alle österreichischen Stromkund*innen ihren Lieferanten frei wählen. Zum 25-jährigen Bestehen dieser Marktöffnung haben die Österreichische Energieagentur und CESAR im Auftrag von Oesterreichs Energie untersucht, wie sich das auf Strompreise und Volkswirtschaft ausgewirkt hat.

Windrad & ein Strommast© Wien Energie

Das Wichtigste in Kürze

  • Ohne Liberalisierung wären die Strompreise laut Studie höher: Haushalte zahlten im Schnitt 16,3 % weniger, Unternehmen 2,5 % weniger, als es ein Szenario ohne Marktöffnung erwarten lässt – kumuliert rund 15 Mrd. Euro Entlastung bis 2025.
  • Die niedrigeren Strompreise wirkten auch gesamtwirtschaftlich: Das BIP lag zwischen 2001 und 2022 durchschnittlich um 0,11 % höher, die Beschäftigung um rund 2.700 Personen pro Jahr.
  • Der Strommarkt hat sich in den 25 Jahren grundlegend verändert – mehr Verbrauch, mehr Erzeugungskapazität, deutlich mehr erneuerbare Energien und grenzüberschreitender Handel.
  • Diese Entwicklungen sind nicht allein der Liberalisierung zuzuschreiben: Europäische Marktintegration, der Ausbau erneuerbarer Energien, die Gaskrise und staatliche Entlastungsmaßnahmen haben den Markt ebenso geprägt.

Hintergrund und Methodik der Studie

Methodisch baut die Studie auf einer Vorgängerstudie aus 2021 auf: Mit einem ökonometrischen Zeitreihenmodell (ARDL) wird ein Szenario berechnet, wie sich die Strompreise ohne Liberalisierung entwickelt hätten. Die Differenz zu den tatsächlichen Preisen gilt als liberalisierungsbedingter Effekt. Diese Preiseffekte fließen anschließend in ein makroökonomisches Input-Output-Modell (MIO-AUT) ein, das die Auswirkungen auf BIP, Beschäftigung und Wertschöpfung berechnet.

Wichtig für die Einordnung: Die Ergebnisse sind kein direkter Vorher-Nachher-Vergleich, sondern modellierte Differenzen zu einem hypothetischen Szenario. Für die Krisenjahre 2022–2024 ist diese Modellierung besonders unsicher, weil es keine vergleichbare historische Situation gibt, an der sich staatliche Krisenmaßnahmen kalibrieren ließen.

Europas Risikolandschaft wird komplexer

Die Studie geht davon aus, dass sich die Risiken für Europa bis 2040 nicht nur verstärken, sondern zunehmend miteinander verbinden. Klimawandel, geopolitische Spannungen, Digitalisierung, Urbanisierung und die wachsende Vernetzung kritischer Infrastrukturen schaffen neue Abhängigkeiten.

Extremwetterereignisse können beispielsweise Infrastrukturen beschädigen und gleichzeitig die Energie- oder Kommunikationsversorgung beeinträchtigen. Gleichzeitig können gerade solche Situationen für Cyberangriffe oder hybride Bedrohungen ausgenutzt werden. Die Studie spricht deshalb von „compound and cascading risks“ – also kombinierten Risiken und Kaskadeneffekten.

Auch die Energiewende bringt neue Abhängigkeiten und Risiken mit sich. Mit der zunehmenden Elektrifizierung und Digitalisierung wachsen die cyber-physischen Angriffsflächen, während gleichzeitig neue Technologien und Infrastrukturen miteinander verknüpft werden.

Was sich am Strommarkt verändert hat

Vor 2001 war die Stromversorgung ein Verbund regionaler Monopole: Erzeugung, Netz und Vertrieb lagen in einer Hand, Kund*innen hatten keine Wahl. Mit der Liberalisierung wurden Erzeugung und Vertrieb dem Wettbewerb geöffnet, während die Netze – als natürliches Monopol – reguliert blieben. Diese Trennung wird bis heute von der E-Control überwacht, die 2001 eigens dafür gegründet wurde.

Der Wettbewerb hat sich seither deutlich entwickelt: 2025 waren 143 Stromlieferanten in Österreich aktiv, 39 davon österreichweit. Rund 345.000 Kund*innen wechselten allein in diesem Jahr ihren Anbieter, unterstützt durch Vergleichsinstrumente wie den Tarifkalkulator der E-Control.

Der Preiseffekt im Detail


Haushalte

 

Nicht-Haushalte

 

Tatsächlicher Preis 19,31 ct/kWh 10,71 ct/kWh
Preis ohne Liberalisierung 23,06 ct/kWh 10,99 ct/kWh
Preisreduktion 16,3 % 2,5 %
Einsparung bis 2025 12,7 Mrd. € 2,5 Mrd. €

 

Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist kein Zufall: Größere Unternehmen hatten schon vor 2001 oft individuelle Beschaffungsverträge und eine stärkere Verhandlungsposition. Für Haushalte dagegen war die freie Anbieterwahl ein echter Umbruch, entsprechend größer fällt der gemessene Effekt aus.

Wichtig für die Einordnung: Diese Prozentwerte sind kein direkter Vorher-Nachher-Vergleich, sondern die Differenz zu einem modellierten Szenario. Für die Krisenjahre 2022–2024 ist diese Modellierung besonders unsicher, weil es in der Geschichte keine vergleichbare Situation gibt, an der sich staatliche Krisenmaßnahmen kalibrieren ließen.

Warum der Strompreis mehr als nur "der Preis" ist

Der Endkund*innenpreis setzt sich aus drei Komponenten zusammen, die sich unabhängig voneinander entwickeln: dem Energiepreis (wettbewerblich, volatil, an Großhandelspreise gekoppelt), dem regulierten Netzentgelt und Steuern/Abgaben. Während der Energiepreis der Wettbewerbslogik der Liberalisierung folgt, verschiebt sich der Kostentreiber beim Netz zunehmend Richtung Energiewende – mehr Photovoltaik und Elektrifizierung bedeuten mehr nötige Netzinvestitionen. Sinkende Energiepreise heißen also nicht automatisch sinkende Gesamtkosten.

Ein Energiesystem im Umbau

Unabhängig von der Liberalisierung hat sich der österreichische Strommarkt seit 1990 stark verändert:

  • Der Stromverbrauch stieg um rund 51 %.
  • Die installierte Erzeugungskapazität wuchs seit 2001 um rund 100 % – vor allem getrieben durch Photovoltaik und Windkraft. PV macht mittlerweile etwa ein Viertel der heimischen Erzeugungskapazität aus.
  • Der grenzüberschreitende Stromhandel legte deutlich zu. 2024 exportierte Österreich erstmals seit Langem netto Strom (6.780 GWh), 2025 war das Land wieder Nettoimporteur.

Der Bericht betont dabei: Diese Entwicklungen sind nicht allein der Liberalisierung zuzuschreiben, sondern auch der europäischen Marktintegration und dem gezielten Ausbau erneuerbarer Energien. Der Wettbewerb dürfte den Umbau aber beschleunigt und effizienter gemacht haben.

Was die Gaskrise gezeigt hat

Die Gaspreiskrise 2022–2024 war zugleich ein Stresstest für das liberalisierte System. Der Preisschub kam nicht aus mangelndem Wettbewerb, sondern von den Großhandelspreisen für Gas – ein externer Schock, den staatliche Zuschüsse und Abgabensenkungen abfedern mussten. Wie ein vergleichbares Hilfspaket in einem nicht-liberalisierten Markt ausgesehen hätte, lässt sich nicht rekonstruieren. Die Krise unterstreicht aber vor allem eines: Je unabhängiger der Strommarkt von fossilen Brennstoffpreisen wird, desto weniger anfällig ist er für solche Schocks.

Schlussfolgerungen

Für Haushalte und Unternehmen ergeben sich klare, wenn auch unterschiedlich große liberalisierungsbedingte Preisvorteile. Das lässt darauf schließen, dass der Wettbewerb am Endkund*innenmarkt tatsächlich dämpfend auf die Strompreise gewirkt hat – mit spürbaren Folgeeffekten auf Kaufkraft, Beschäftigung und BIP.

Gleichzeitig zeigt die Studie deutlich: Die Marktöffnung ist nur einer von mehreren Faktoren, die den österreichischen Strommarkt der letzten 25 Jahre geprägt haben. Europäische Marktintegration, der Ausbau erneuerbarer Energien und die staatlichen Antworten auf die Gaskrise lassen sich davon nicht sauber trennen.

 

Für die kommenden Jahre nennt der Bericht fünf Stellschrauben, die die Strompreise prägen werden:

  1. weiterer Ausbau erneuerbarer Erzeugung
  2. steigende CO₂-Preise
  3. Netzausbau auf allen Ebenen
  4. Integration von Flexibilität und Speichern
  5. Ausgestaltung von Steuern, Abgaben und Fördersystemen

 

Die zentrale Frage verschiebt sich damit von der reinen Marktöffnung hin zur Gestaltung eines leistbaren, klimaneutralen Energiesystems. Die Liberalisierung bleibt dafür die Grundlage – gelöst ist die Aufgabe damit aber nicht.