Österreich zählt zu den europäischen Vorreitern der Energiewende, steht aber vor einer wachsenden Umsetzungslücke zwischen ambitionierten Zielen, rechtlichen Rahmenbedingungen und tatsächlichem Fortschritt. Das zeigt der aktuelle Länderbericht der Internationalen Energieagentur (IEA).
© Wien EnergieZwar hebt die IEA den hohen Anteil erneuerbarer Energien, die starke Wasserkraftbasis und den integrierten Netzinfrastrukturplan positiv hervor. Gleichzeitig warnt sie aber vor einer wachsenden Umsetzungslücke und verweist auf Herausforderungen beim beschleunigten Ausbau von Windkraft, der Flexibilität im Energiesystem, bei Investitionen in Netze und Speicher sowie bei der Beschleunigung von Genehmigungs- und Gesetzgebungsverfahren.
2024 wurden bereits rund 90 % des Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt. Vor allem Photovoltaik entwickelt sich dynamisch und erreichte bereits einen Anteil von 11,3 % an der Stromversorgung. Dennoch weist die IEA darauf hin, dass die Emissionsreduktion insgesamt nicht schnell genug erfolgt und vor allem in den Bereichen Wärme und Verkehr erheblicher Aufholbedarf besteht.
Die IEA bestätigt, was Energieexpert*innen in Österreich schon länger fordern. Nach dem „Solarboom“ der vergangenen Jahre müsse Österreich nun vor allem den Ausbau der Windenergie beschleunigen. Die IEA sieht hier erhebliche Verzögerungen durch langwierige Genehmigungsverfahren und komplexe Governance-Strukturen. Empfohlen werden daher vor allem klar ausgewiesene Windkraftzonen, eine koordinierte Raumplanung und schnellere Genehmigungsverfahren.
Um die Versorgung in den Wintermonaten zu sichern und die PV-Erzeugung zu ergänzen, braucht das Stromsystem künftig deutlich mehr Windenergie. Nach Einschätzung der IEA ist das Ziel von zusätzlich rund 10 Terawattstunden bis 2030 mit den derzeitigen Rahmenbedingungen aber kaum erreichbar.
Die IEA betont zudem, dass Österreich bei zentralen energiepolitischen Reformen deutlich an Tempo gewinnen muss. Verzögerungen bei wichtigen Gesetzen – etwa dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) oder dem weiterhin ausstehenden Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) – hätten zuletzt Investitionsunsicherheit geschaffen und den Fortschritt der Energiewende gebremst. Aus Sicht der IEA braucht es nun rasche gesetzliche und regulatorische Maßnahmen, um Verbraucher*innen zu stärken, die Flexibilität des Energiesystems auszubauen und insbesondere große Erneuerbaren-Projekte wie Windkraft schneller umzusetzen.
Positiv bewertet die IEA den integrierten Netzinfrastrukturplan (NIP), der Strom-, Gas- und Wasserstoffnetze gemeinsam betrachtet. Es sind jedoch weitere Schritte erforderlich, um die Stilllegung von Gasnetzen, den Ausbau von Fernwärme und Wärmespeichern sowie die Wasserstoffstrategie zu koordinieren.
Damit Angebot und Nachfrage in einem erneuerbaren Energiesystem künftig besser ausgeglichen werden können, sieht die IEA Flexibilität als zentralen Baustein der Energiewende. Dazu zählen etwa Speicherlösungen, Lastmanagement oder intelligentes Laden von Elektrofahrzeugen. Positiv hervorgehoben wird dabei das ElWG: Explizit erwähnt wird die Abschaffung doppelter Netzentgelte für Speicher, deren Ausgestaltung gerade von der E-Control vorbereitet wird, die Einführung dynamischer Tarife und lokaler Flexibilitätsmärkte. Gleichzeitig brauche es nun weitere Maßnahmen, um Flexibilität stärker im System zu verankern und erneuerbare Energien kosteneffizient in das Stromsystem zu integrieren.
Auch in den Bereichen Wärme und Verkehr sieht die IEA Aufholbedarf. Die Elektrifizierung und der Ausbau der Fernwärme in diesen Bereichen sind wesentliche Hebel, um Importe von Öl und Gas zu reduzieren. Der Austausch fossiler Heizsysteme schreitet nicht rasch genug voran. Zur Beschleunigung des Übergangs sind integrierte Wärme- und Kältepläne auf nationaler und regionaler Ebene erforderlich.
Die Wärmepläne sollten mit den langfristigen Stilllegungsstrategien für Gasnetze abgestimmt werden, um verlorene Vermögenswerte (stranded assets) zu vermeiden und die Transformationskosten wirksam zu steuern. Die IEA ortet im Fernwärmesektor zugleich Reformbedarf: Mehr Preistransparenz, klarere Tarifstrukturen und ein stärkerer Verbraucherschutz sollen das Vertrauen der Verbraucher*innen stärken und den Ausbau klimafreundlicher Wärmesysteme unterstützen.
Die fortschreitende Elektrifizierung der Industrie trägt zwar entscheidend zur Emissionsminderung und zu Produktivitätsgewinnen bei, doch die Dekarbonisierung vieler Hochtemperaturprozesse erfordert andere Lösungen, darunter Wasserstoff und CCUS.
Die IEA sieht den beschleunigten Ausbau der Stromnetze als zentrale Voraussetzung für die Energiewende. Ohne zusätzliche Netzkapazitäten werde weder die Integration erneuerbarer Energien noch die zunehmende Elektrifizierung von Wärme, Mobilität und Industrie möglich sein.
Trotz dieses beeindruckenden globalen Trends muss man sich vor Augen führen, dass die Geothermie von sehr niedrigem Niveau beginnt – derzeit ist sie bei unter 1% wenig mehr als ein Rundungsfehler der globalen Primärenergiebereitstellung. Dank Next-Generation-Technologien und günstiger Rahmenbedingung könnte dieser Anteil bis Mitte des Jahrhunderts allerdings laut etwa IEA auf bis zu 5% steigen. Für Europa und Österreich gilt es jetzt, diesen Trend nicht zu verschlafen.
Entscheidend werden laut IEA vor allem rasche gesetzliche Rahmenbedingungen, ein beschleunigter Ausbau der Energieinfrastruktur sowie langfristige Investitionen in Netze, Speicher und erneuerbare Technologien sein. Darüber hinaus müsse die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern verbessert werden, um Genehmigungen, Netzausbau und die Umsetzung der Energiewende effizienter voranzutreiben. Besonders in den Bereichen Wärme und Verkehr sieht die IEA weiterhin großen Handlungsbedarf. Gelingt es Österreich, diese Herausforderungen konsequent anzugehen, könne das Land seine europäische Vorreiterrolle weiter stärken und die Energiewende in Europa aktiv mitgestalten.
Hier die Kurzfassung auf Deutsch.
The full report in English.
