Thomas Rosenzopf

Gastbeitrag: Die Energiewende in Österreich braucht auch zentrale Kraftwerksstandorte

15.10.2026

Die Energiewende wird häufig vor allem dezentral gedacht: Photovoltaik auf Dächern, Windkraft, Batteriespeicher, Wärmepumpen und flexible Verbraucher. Diese Technologien sind zentrale Bausteine des zukünftigen Energiesystems. Ein anderer Baustein gerät dabei aber leicht aus dem Blick: zentrale und steuerbare Kraftwerke und die Weiternutzung der bestehenden Kraftwerksstandorte.

Kraftwerk Simmering Abendstimmung© Ian Ehm

Unsere aktuelle Studie für Oesterreichs Energie zeigt, warum wir diese Standorte auch in einem klimaneutralen, von fossilen Importen unabhängigen Energiesystem weiterhin brauchen. Die dort genutzten Technologien und Aufgaben werden sich verändern, ihre Bedeutung für die Stromversorgung, vor allem hinsichtlich Versorgungssicherheit und Flexibilität, bleibt aber bestehen.

Key Facts der Studie

  • Die Energiewende braucht dezentrale Erzeugung, aber auch zentrale, steuerbare Kraftwerke.
  • Bestehende Strom-, Gas- und Wärmenetze an Kraftwerksstandorten sind wertvolle Infrastruktur, die von Speichern und anderen Flexibilitäten auch in der Zukunft genutzt werden sollten.
  • Steuerbare Leistung bleibt vor allem notwendig, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten und volatile erneuerbare Erzeugung zu integrieren.
  • Dafür braucht es regulatorische Klarheit darüber, wie diese gesicherte Leistung und Flexibilität künftig wirtschaftlich bereitgestellt werden kann – Stichwort Versorgungssicherheit.Flexibilität sollte dabei nicht nur im Stromsystem gedacht werden. Strom-, Gas- und Wärmesystem müssen gemeinsam optimiert werden. Dies ist vor allem an zentralen Kraftwerksstandorten möglich.

Mehr Erneuerbare heißt nicht automatisch weniger steuerbare Kraftwerke

Die kommenden Jahre werden von einem weiteren Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung geprägt sein. Gleichzeitig steigt durch die Elektrifizierung von Industrie, Mobilität und Wärme der Strombedarf. Damit nimmt auch die Spitzenlast zu. Es wächst nicht nur die benötigte Strommenge, sondern auch die Herausforderung, Strom jederzeit zuverlässig für uns alle bereitzustellen.

Windkraft und Photovoltaik produzieren abhängig vom Wetter. Speicher, flexible Verbraucher und stärkere Netze können diese Schwankungen teilweise ausgleichen. Trotzdem bleiben steuerbare Kapazitäten, vor allem bei sogenannten Dunkelflauten (wenig PV- und Winderzeugung) ein wichtiger Bestandteil des Energiesystems. Die Frage für die Energiewende lautet deshalb nicht zentral oder dezentral. Wir benötigen beides.

Versorgungssicherheit braucht auch regulatorische Klarheit

Für die Versorgungssicherheit notwendige Kraftwerke entstehen nicht automatisch. Gerade bei großen steuerbaren Erzeugern, die meist mit chemischen Energieträgern wie Wasserstoff, Biomethan oder Erdgas mit CO2-Abscheidung betrieben werden, handelt es sich um große und langfristige Investitionen. Je höher das Investitionsvolumen und je länger die Nutzungsdauer, desto genauer werden Investitionsentscheidungen geprüft. Für Kraftwerksbetreiber und Investoren muss deshalb klar sein, welche Rolle gesicherte Leistung zukünftig im Markt spielen soll und wie ihre Stromerzeugung sowie ihr Beitrag zur Versorgungssicherheit wirtschaftlich vergütet werden. Hier kommt auch die Diskussion um einen Kapazitätsmarkt beziehungsweise andere Mechanismen zur Absicherung gesicherter Leistung ins Spiel. Diese werden notwendig sein, um unsere Stromversorgung auch jederzeit zuverlässig sicherzustellen. Hier sollten vor allem die bestehenden Kraftwerksstandorte ins Auge gefasst werden, da sie hier auch für die Zukunft wertvolles Potenzial bieten.

Für diese langfristigen Investitionsentscheidungen braucht es daher frühzeitig Planungssicherheit. Ohne diese Klarheit besteht das Risiko, dass notwendige Investitionen aufgeschoben werden, obwohl die entsprechenden Kapazitäten für das Gesamtsystem bei steigendem Strombedarf benötigt werden.

Ein Kraftwerksstandort ist mehr als die Erzeugungsanlage

In der Diskussion wird ein Kraftwerksstandort häufig mit der heute dort installierten Gasturbine oder dem bestehenden Kraft-Wärme-Kopplungs-Kessel gleichgesetzt. Das greift zu kurz.

An diesen Standorten befinden sich häufig bereits leistungsfähige Stromnetzanbindungen, Gasinfrastruktur, Fernwärmenetze, Brennstofflogistik, Speicherinfrastruktur und gut gelegene Flächen. Gerade diese bestehende Infrastruktur ist für die Transformation besonders wertvoll. Deshalb sollten bestehende Kraftwerksstandorte nicht nur unter der Frage betrachtet werden, welche Erzeugungstechnologie dort zukünftig betrieben wird. Sie sind vielmehr mögliche Energieknoten für Erzeugung, Speicherung und Flexibilität.

Insbesondere die vorhandene Strom- und Wärmeinfrastruktur bietet gute Voraussetzungen, um neue Technologien wie Batteriespeicher, Wärmespeicher, Großwärmepumpen oder Elektrolyseure zu integrieren. Genau diese Entwicklung zeigt unsere Studie beispielsweise für urbane und industrienahe Kraftwerksstandorte.

Flexibilität muss sektorübergreifend gedacht werden

Bei Flexibilität konzentriert sich die aktuelle Diskussion stark auf den Strommarkt: Batteriespeicher, flexible Verbraucher oder steuerbare Erzeugung reagieren auf Strompreise und Netzsituationen.

Gerade an Kraftwerksstandorten sollte Flexibilität aber sektorübergreifend gedacht werden.
Ein Standort, der sowohl an das Stromnetz als auch an ein Wärmenetz angebunden ist, kann unterschiedliche Flexibilitätsoptionen miteinander kombinieren. Ein Batteriespeicher verschiebt Strom zwischen einzelnen Stunden. Ein geeigneter Wärmespeicher kann Energie über ganz andere Zeiträume puffern. Wärmepumpen wiederum verbinden Strom- und Wärmesektor.

Strom- und Wärmespeicher sind deshalb keine konkurrierenden Technologien – sie können sich funktional ergänzen

Ein integrierter Standort kann beispielsweise Strom in Zeiten hoher erneuerbarer Erzeugung über Wärmepumpen in Wärme umwandeln und speichern. In anderen Stunden können steuerbare Anlagen Strom und Wärme bereitstellen. Dadurch entsteht Flexibilität nicht innerhalb eines einzelnen Sektors, sondern durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Energieträger und Technologien. Genau diese Kombination aus flexibler Erzeugung, Speichern und neuen Technologien ist eine wesentliche zukünftige Funktion zentraler Standorte.

Unsere Studie betrachtet drei typische Kraftwerksstandorte: Kraftwerke im urbanen Raum, industrienahe Kraftwerke und regionale Heizkraftwerke. Ihre Anforderungen unterscheiden sich deutlich.

Im urbanen Raum geht es vor allem um die zuverlässige Versorgung von Haushalten und Gewerbe mit Strom und Wärme. Zukünftig können hier beispielsweise KWK (Kraft-Wärme-Kopplung), Wärmepumpen, Batterie- und Wärmespeicher oder Elektrolyseure an einem Standort miteinander kombiniert werden.

Bei einem industrienahen Kraftwerk stehen hohe Verfügbarkeit und die kontinuierliche Bereitstellung von Strom, Wärme und Prozessdampf im Zentrum. Auch hier sind Speicher, Wärmepumpen oder Elektrolyseure voraussichtlich Bestandteile eines stärker integrierten Energiestandortes.

Regionale Heizkraftwerke erfüllen wiederum eine andere Aufgabe. Sie können regionale Energieträger und bestehende Wärmenetze direkt nutzen und steuerbare Biomasseanlagen mit Wärmepumpen sowie Batterie- und Wärmespeichern kombinieren.

Das zeigt: Die Technologie kann unterschiedlich sein. Der Wert des Standortes entsteht zunehmend aus der Kombination von Infrastruktur, Steuerbarkeit und Flexibilität.

Nicht nur zentrale Anlagen müssen systemdienlich werden

Dabei wäre es zu kurz gegriffen, Systemverantwortung ausschließlich bei großen Kraftwerken zu suchen. Mit zunehmender Dezentralisierung wächst auch die Bedeutung dezentraler Anlagen für das Gesamtsystem. Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher, Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge und flexible Verbraucher werden künftig einen immer größeren Teil der installierten Leistung und Flexibilität stellen. Entscheidend ist deshalb, dass auch diese Assets stärker systemorientiert betrieben werden.

Somit reicht es langfristig nicht, einzelne Anlagen ausschließlich lokal oder auf Basis einzelner Preissignale zu optimieren. Das Ziel sollte aus meiner Sicht sein, dass verfügbare Flexibilität dort eingesetzt werden kann, wo sie für das Gesamtsystem den größten Nutzen bringt – beispielsweise für die Integration erneuerbarer Energien, für Netze oder für Versorgungssicherheit. Das zukünftige Energiesystem benötigt damit nicht weniger Koordination, sondern mehr. Hierfür ist auch eine starke Weiterentwicklung von Datenschnittstellen, Steuerungsplanung und generell der Digitalisierung des Energiesystems notwendig.

Das Kraftwerk der Zukunft sieht anders aus als das Kraftwerk von heute

Dass wir zentrale Kraftwerksstandorte weiterhin brauchen, bedeutet daher ausdrücklich nicht, die heutige Erzeugungsstruktur zu konservieren. Die Standorte müssen dekarbonisiert und flexibilisiert werden. Unsere Studie nennt dafür unter anderem grüne Gase, Biomasse, CO₂-Abscheidung, Wärmepumpen, Elektrolyseure sowie Batterie- und Wärmespeicher. Damit verändert sich auch die Funktion eines Kraftwerksstandortes. Aus einem Ort, an dem bisher primär Strom und Wärme produziert wurde, wird zunehmend ein integrierter Energiestandort, der Erzeugung, Speicherung, Wärmeversorgung und Flexibilität miteinander verbindet.

Die Energiewende braucht beides

Der Ausbau von Windkraft, Photovoltaik, Speichern und dezentralen Flexibilitäten ist für die Transformation des Energiesystems unverzichtbar. Aber er ist nur ein Teil des zukünftigen Systems.

Eine sichere und dekarbonisierte Energieversorgung braucht auch zentrale, steuerbare Kraftwerksstandorte. Dafür müssen wir deren bestehende Infrastruktur intelligent weiterentwickeln, Strom und Wärme gemeinsam denken und rechtzeitig Klarheit über den regulatorischen Rahmen für Versorgungssicherheit und gesicherte Leistung schaffen. Gleichzeitig müssen auch dezentrale Anlagen zunehmend einen Beitrag zum Gesamtsystem leisten.

Die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre lautet deshalb nicht zentral gegen dezentral, Strom gegen Wärme, Erzeugung gegen Netze oder Netze gegen Speicher. Die Herausforderung wird sein all diese Elemente zu einem gemeinsamen Energiesystem zu verbinden und digitalisiert optimal zu nutzen. Die Energiewende braucht weiterhin dezentrale Lösungen – aber eben auch zentrale, steuerbare Kraftwerksstandorte zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit.

  • Thomas Rosenzopf

    Geschäftsführer Enervis Österreich