Die Auswirkungen der Klimakrise werden zunehmend spürbar, vor allem in Zusammenhang mit extremen Wetterereignissen. Großstädte sind einerseits stark davon betroffen, andererseits sind sie aber auch maßgebliche Akteure beim Vorantreiben dieser Auswirkungen, da sie zu den wesentlichen CO2-Emittenten gehören. Viele Großstädte stehen den gleichen Herausforderungen auf ihrem Weg zur Klimaneutralität gegenüber.
© Wiener StadtwerkeDas Nachhaltigkeitsteam der Wien Energie wollte wissen, wie europäische Städte mit diesen Herausforderungen umgehen und hat gemeinsam mit Compass Lexecon das Benchmarking der 11 europäischen Städte erstellt und dabei Leuchtturmprojekte identifiziert, die allen Städten als Vorbild dienen können.
Die Stadt Wien will bis 2040 klimaneutral werden und damit ist sie nicht die einzige in Europa. München beispielsweise will dieses 2035 erreichen, Kopenhagen hatte sich vorgenommen, bis 2025 klimaneutral zu sein. Um dies zu ermöglichen sind innovative Ideen und Konzepte gefordert, wobei zentral ist: Nicht jede Stadt muss das Rad neu erfinden. Funktionierende Methoden können voneinander gelernt werden. Die Studie "Climate Impact of Urban Energysystems" dient damit einerseits dem Zweck, ausgewählte europäische Städte hinsichtlich ihrer Klimaperformance zu vergleichen und in einem nächsten Schritt die innovativsten Projekte oder Best Practice Beispiele vorzustellen und das Potenzial dieser für andere Städte aufzuzeigen.
Insgesamt wurden in der Studie 11 europäische Städte hinsichtlich ihrer Klimabilanz genauer unter die Lupe genommen. Methodisch hat man dafür 16 quantitative Indikatoren aufgestellt und in den urbanen Systemen verglichen sowie eine Analyse von Best Practice Beispielen durchgeführt. Die Indikatoren können in zwei Untergruppen unterteilt werden, so werden allgemeine Indikatoren, wie die Bevölkerung, das Stadtgebiet oder die Populationsdichte und spezifische Indikatoren bezüglich der Performance des städtischen Energiesystems untersucht. Ausgewählt wurden die Städte aufgrund ihrer Vergleichbarkeit mit Wien und der Verfügbarkeit von Daten. In der Untersuchung enthalten sind die Städte Wien, Kopenhagen, Amsterdam, Zagreb, Stockholm, Brüssel, Prag, München, Budapest, Hamburg und Paris.
Die spezifischen Indikatoren werden weiter in einzelne Untergruppen unterteilt: Energiesystem, Gebäude, Mobilität, Luftverschmutzung und Policy. Policy betrifft dabei das Ende der Zulässigkeit von Erdgas in Neubauten, wobei hier Paris der Vorreiter ist, da dort seit Jänner 2022 ein Verbot besteht.
Energiesystem
Hinsichtlich des Energiesystems wurden der Gesamtenergieverbrauchs, die ausgestoßenen Treibhausgas-Emissionen und der durch PV produzierte Strom gemessen. Beim Gesamtenergieverbrauch schneidet Zagreb besonders gut ab und weist den niedrigsten Pro-Kopf-Energieverbrauch unter den analysierten Städten auf. Das liegt vor allem an ihrem geringen Verbrauch in den Sektoren "Industrie und Dienstleistungen" und "Wohnen", auf welche im Durchschnitt 70 % des Endenergieverbrauchs pro Kopf fallen.
Bei den geringsten THG-Emissionen sind Kopenhagen und Stockholm die Vorreiter. Die niedrigen Emissionen sind auf den Einsatz von überwiegend erneuerbaren Energien zurückzuführen. Darüber hinaus ist die Dekarbonisierung des Verkehrssektors in Kopenhagen relativ weit fortgeschritten.
Bei der PV-Stromproduktion liegt Brüssel ganz vorne. Gründe dafür sind ein vergleichsweise geringerer Gesamtstromverbrauch und die gleichzeitig höhere Stromerzeugung aus Photovoltaik in absoluten Zahlen. Außerdem hat Brüssel von 2018 bis 2020 seine PV-Kapazität von 24 MWp auf 66 MWp durch eine Anreizschaffung zur Registrierung von Anlagen mehr als verdoppelt.
Gebäude
Im Gebäudebereich schneidet München beim Gesamt-Gebäudeenergieverbrauch besonders gut ab. Ein möglicher Grund ist das langjährige Münchner Programm zur Energieeinsparung im Gebäudesektor (Förderprogramm zur Energieeinsparung, FES), welches Zuschüsse für Sanierungen, die Umstellung auf erneuerbare Energien, energieeffiziente Neubauten und Beratungsleistungen, die mit der Förderung auf nationaler Ebene kompatibel sind, anbietet.
Kopenhagen hat aufgrund von nationalen und kommunalen Verordnungen (z.B. dem Wärmeversorgungsgesetz von 1979), die es den Stadträten ermöglichen, den Anschluss von Gebäuden in bestimmten Gebieten an die Fernwärme verpflichtend vorzuschreiben, die Nutzung der Fernwärme kontinuierlich gesteigert. Die eingeführten Gesetze erleichterten die Ausweitung des Netzes und führten zu sinkenden Kosten für die Verbraucher, was die Stadt zum Spitzenreiter bei der gelieferten Fernwärmeenergie macht. So auch beim Erneuerbaren-Anteil in der Wärmeversorgung, da diese größtenteils auf Biobrennstoffen basiert.
Mobilität
Was das Voranbringen von E-Fahrzeugen betrifft, sind die beiden Städte Amsterdam und Stockholm weit voraus. Amsterdam hat aufgrund eines verbrauchs-basierten Ansatzes die am stärksten ausgebaute Ladeinfrastruktur. Bei der Anzahl an elektrischen Fahrzeugen liegt Stockholm vorne, was an den finanziellen Erleichterungen sowie Verbesserungen beim Parken im Vergleich zu fossilen Fahrzeugen liegt.
Beim öffentlichen Verkehr ist Wien der Spitzenreiter. Die 365-Euro-Jahreskarte bietet klimafreundliche Mobilität zum Spitzenpreis, was dazu geführt hat, dass Wien im Verhältnis der Fahrzeuganzahl und Einwohner*innen am besten dasteht.
Im zweiten Teil der Studie wurde aus jeder Stadt ein Best Practice Projekt der Energiewende angeführt und damit untersucht, was andere Standorte aus diesen Projekten lernen können. So zum Beispiel das Programm zum Ausstieg aus Gas in Amsterdam, dessen Erfolgsfaktoren vor allem darin liegen, dass es mit einer positiven öffentlichen Meinung verbunden ist und durch ein gemeinsames Vorgehen der Stadt und den betroffenen Unternehmen umgesetzt wird.
Ebenfalls spannend, das Projekt zur Gebäuderenovierung und –sanierung zur Klimaneutralität in Brüssel, der Geothermieausbau in Budapest und München, die Fernkälte in Paris oder die Energiegemeinschafts-Aktionen in Prag. Das Wiener Leuchtturmprojekt ist das Village im Dritten ausgewählt, ein geplantes Stadtviertel, welches mit einem umfassenden Energiekonzept von Wien Energie mit geothermischer Wärme aus dem größten Erdwärmesondenfeld Österreichs, einem Speicher für Gebäudeabwärme und PV-Anlagen als Vorreiter hinsichtlich nachhaltigen urbanen Wohnens gilt. All diese Projekte sind richtungsweisend für eine urbane Energiewende, sie sind zentral, um Learnings mitzunehmen und Erfolge aus einer Stadt in andere zu verbreiten. „Die Klimaneutralität ist ein gemeinsames europäisches Ziel. Dabei stehen wir häufig vor den gleichen Fragen. Hier sollten wir unsere Kräfte bündeln und gemeinsam neue Lösungen für ein klimaneutrales Europa schaffen.", so Saskia Brabänder, die die Studie seitens Wien Energie begleitet hat.