Einen kühlen Kopf bewahren: Urbaner Kältebedarf in Österreich 2030/2050

Der Kühlbedarf wird in Österreich in den kommenden Jahren massiv ansteigen, vor allem in Städten. Eine Studie der BOKU versucht nun zu prognostizieren, wie hoch der Bedarf an Kühlung in den kommenden Jahren sein wird und wie man diesen effizient und klimafreundlich bereitstellen kann.

Fernkälte Anlage Stubenring. Silberne Rohre.© Wien Energie

Das Wichtigste in Kürze

  • Starker Anstieg des Kühlbedarfs: Bis 2050 steigt der jährliche Energiebedarf für Raumkühlung in Österreich – je nach Szenario – auf 3 bis 19 TWh. Besonders betroffen sind Wien, das Burgenland und der Donauraum.
  • Kältebedarfskarten als Planungsinstrument: GIS-basierte Modellierungen zeigen erstmals detailliert, wo Kühlung zur Herausforderung wird. Diese Karten bilden die Grundlage für regionale und kommunale Strategien.
  • Technologien im Vergleich: Passive Maßnahmen wie Verschattung, Verglasung oder Nachtauskühlung sind die effizientesten Hebel zur Reduktion des Bedarfs. Für urbane Verdichtungsräume sind zentrale Lösungen wie Fernkälte unverzichtbar.
  • Quartiersgerechte Lösungen: Unterschiedliche Bebauungsstrukturen erfordern maßgeschneiderte Konzepte – von dezentralen Systemen bis zu hybriden Modellen.
  • Beispiele wie das Village im Dritten zeigen, wie nachhaltige Quartierskühlung in der Praxis gelingt.

Warum wir den Kühlbedarf neu denken müssen

Die Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) hat im Frühjahr 2025 die Studie „Urbaner Kältebedarf in Österreich 2030/2050“ veröffentlicht. Ziel der Untersuchung war es, den künftig steigenden Bedarf an Raumkühlung wissenschaftlich zu quantifizieren und aufzuzeigen, welche technologischen, ökologischen und wirtschaftlichen Optionen bestehen.

Hintergrund ist, dass Klimawandel, Urbanisierung und steigende Komfortansprüche Kühlung in Städten zu einem zentralen Thema für Energiepolitik und Stadtplanung machen. Die Studie soll flächendeckende Daten und Szenarien zum Kältebedarf in Österreich bieten und damit eine fundierte Grundlage für Planungs- und Investitionsentscheidungen bilden.

Eine Antwort auf die steigende Hitze

Damit eine Prognose zum Kühlbedarf herausgearbeitet und dann auch sinnvoll implementiert werden kann, hat die Studie eine systematische Methodik verfolgt. Diese gliedert sich in eine räumliche Modellierung, eine Technologieanalyse, eine Analyse von passiven sowie aktiven Technologien und spezifischen Quartiersanalysen.

Räumliche Modellierung:

Mit einem GIS-basierten Modell wurden Bevölkerungs- und Gebäudedaten mit Klimaprojektionen kombiniert. Daraus entstehen Kältebedarfskarten auf Gemeindeebene für 2030, 2040 und 2050. Sie machen sichtbar, in welchen Regionen Kühlung zur Herausforderung wird – allen voran Wien, das Burgenland und der Donauraum.

Technologieanalyse:

Die Analyse unterscheidet zwischen passiven und aktiven Technologien und bewertet diese nach Effizienz, Kosten und ökologischer Wirkung Ziel war es, für unterschiedliche Gebäudetypen und Quartiersstrukturen geeignete Pfade zu identifizieren.

Passive Technologien:

  • Verschattung & Fassadenbegrünung: Senken den Kühlbedarf deutlich, besonders bei Bestandsgebäuden. Begrünte Fassaden und Dächer reduzieren zusätzlich die urbane Hitzeinselwirkung.
  • Sonnenschutzverglasung & Fensterqualität: Moderne Verglasung kann Kühllasten um bis zu 30 % senken.
  • Natürliche Lüftung & Nachtauskühlung: Wirksam vor allem in weniger verdichteten Quartieren.
  • Bauliche Orientierung: Durch Lage und Ausrichtung lässt sich der Kühlbedarf bei Neubauten dauerhaft minimieren.

Aktive Technologien:

  • Kompressionskältemaschinen: Heute die dominierende Lösung, flexibel, aber stromintensiv.
  • Fernkälte: Besonders für dichte Innenstadtquartiere geeignet. Wien Energie betreibt bereits umfangreiche Fernkälteprojekte, die Abwärmequellen und effiziente Rückkühlung nutzen.
  • Absorptions- und Adsorptionskälte: Setzen Wärme (z. B. aus KWK-Anlagen oder Solarthermie) als Antriebsenergie ein.
  • Innovative Rückkühlungssysteme: Seewasser-, Flusswasser- oder Erdsondenkühlung bieten lokal emissionsarme Lösungen, sind aber standortabhängig.
  • Hybridlösungen: Kombination von passiven Maßnahmen mit dezentralen oder zentralen aktiven Systemen.

Quartiersanalysen:

In fünf repräsentativen Stadtquartieren, von dicht bebauten Gründerzeitvierteln bis hin zu durchmischten Neubauarealen, wurden Szenarien berechnet (Studie, Kap. 5). Jede Analyse kombiniert passive und aktive Maßnahmen, bewertet deren Kosten und zeigt den Effekt auf den lokalen Energiebedarf.

  • Dichte Innenstadtquartiere profitieren besonders von Fernkälte oder zentralen Kältezentralen.
  • Periphere Neubaugebiete haben hohes Potenzial für passive Maßnahmen, kombiniert mit dezentralen Geräten.
  • Gemischte Quartiere erfordern hybride Lösungen, bei denen zentrale Anlagen größere Bürogebäude versorgen, während Wohnhäuser mit kleinen Systemen ausgestattet werden.

Als ergänzendes Beispiel (nicht Teil der BOKU-Studie) kann das Projekt Village im Dritten genannt werden, das zeigt, wie nachhaltige Quartierskühlung in Wien in der Praxis umgesetzt wird.

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Daraus gezogenen Handlungsempfehlungen

  • Passivmaßnahmen verankern: Verschattung, Glasqualität und Gebäudekühlung ohne Energieeinsatz müssen stärker in Bauordnungen integriert werden und das Mittel Wahl sein.
  • Förderung passiver Technologien: Förderprogramme und technologische Entwicklung sollten passive Kühlmaßnahmen bevorzugt unterstützen, bevor energieintensive Systeme zum Einsatz kommen.
  • Frühzeitige Integration: Kühlbedarfsplanung gehört bereits in frühe Phasen der Stadtentwicklung – vergleichbar mit Strom- oder Wärmeplanung.
  • Regionale Differenzierung: Unterschiedliche Regionen (z. B. Wien vs. Alpenregionen) haben sehr unterschiedliche Bedarfe – maßgeschneiderte Lösungen sind erforderlich.
  • Kältebedarfskarten dienen dafür als Planungswerkzeug: Sie ermöglichen eine differenzierte Betrachtung und sind Basis für kommunale und regionale Strategien.
  • Quartiersgerechte Technologiewahl: Städte sollten je nach Quartierstyp in Fernkälte, dezentrale Systeme oder hybride Lösungen investieren.
  • Klimapolitische Flankierung: Bauvorschriften und Stadtplanung müssen auf den steigenden Kühlbedarf reagieren, etwa durch Anforderungen an Fenster, Sonnenschutz und Dämmung.
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