CCS in Österreich: Ein fehlendes Puzzlestück auf dem Weg zur Klimaneutralität

Klimaneutralität bedeutet mehr als erneuerbarer Strom und Elektromobilität. Viele Emissionen lassen sich durch Effizienz, Elektrifizierung und den Ausbau erneuerbarer Energien deutlich reduzieren. Doch es gibt industrielle Prozesse sowie ganze Sektoren, bei denen CO₂ nicht primär durch den Energieeinsatz entsteht, sondern chemisch bedingt freigesetzt wird oder aus anderen Gründen unvermeidbar ist.

Bergige Waldlandschaft mit Industrieerzeugnis-Wolken© Jon Anders Wiken

Wer Zement produziert, Kalk brennt, Abfälle thermisch behandelt oder bestimmte Grundstoffe erzeugt, setzt auch zukünftig weiterhin CO₂ frei. In einigen dieser Bereiche wird es aus chemischen Gründen im Herstellungsprozess freigesetzt. In anderen Bereichen wie der thermischen Abfallbehandlung, bestimmt einzig und allein die Müllzusammensetzung die Emissionen.

Für diese Emissionen wird Carbon Capture and Storage (CCS), die Abscheidung, der Transport und die dauerhafte Speicherung von CO₂, als mögliche technologische Option diskutiert.

Genau hier liegen die zentralen Herausforderungen der Transformation. Die Frage lautet daher:
Wie gehen wir mit Emissionen um, die technisch kaum vermeidbar sind?

Das Wichtigste in Kürze

  • Bis 2040 könnten laut Studie rund 31 Industrieanlagen mit Carbon Capture and Storage (CCS) ausgestattet werden und jährlich bis zu 9 Mio. Tonnen CO₂ abscheiden.
  • Die Modellrechnung zeigt dafür einen zusätzlichen Bedarf von rund 8,9 TWh Wärme und 6,5 TWh Strom bis 2040.
  • Für Abscheidung, Energieinfrastruktur und ein CO₂-Netz von rund 1.000 Kilometern werden kumulierte Investitionen von etwa 10,7 Mrd. Euro angenommen.

Was war das Ziel der Studie und welche Methodik wurde angewandt?

Die Studie des Umweltbundesamts Österreich (2026) untersucht den zusätzlichen Energieverbrauch sowie die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Umsetzung von CO₂-Abscheidung, Transport und Speicherung (CCS) in Österreich im Zeitraum 2030 bis 2040.

Methodisch basiert die Analyse auf einem Szenario („WAM CCS“), in dem zentrale emissionsintensive Industrien abgebildet und Annahmen zu Technologien, Energiebedarf, Infrastruktur und Investitionen in ein Modell integriert werden. Die Ergebnisse werden für die Jahre 2030, 2035 und 2040 dargestellt.

CCS in Österreich: Szenario und Ausbaupfad bis 2040 laut Studie

Die Studie zeigt einen möglichen Entwicklungspfad auf. Wenn zusätzliche Maßnahmen umgesetzt und CO₂-Abscheidung gezielt eingesetzt werden, könnten bis 2040 insgesamt 31 Industrieanlagen mit Carbon Capture and Storage (CCS) ausgestattet sein. Es wird ein Szenario beschrieben, das verdeutlicht, welche Rahmenbedingungen und Wirkungen mit einem solchen Weg verbunden wären.

Der Ausbau erfolgt laut Studienannahmen schrittweise. Im Jahr 2030 wäre zunächst eine einzelne Anlage angebunden, mit rund 0,7 Millionen Tonnen abgeschiedenem CO₂. Bis 2035 würden neun Anlagen rund 3,2 Millionen Tonnen CO₂ erfassen. 2040 wären es schließlich rund 9 Millionen Tonnen pro Jahr. Zum Vergleich: Das entspricht einem erheblichen Anteil der heutigen prozessbedingten Industrieemissionen in Österreich.

Betrachtet werden emissionsintensive Branchen, darunter Zement und Kalk, Feuerfestanlagen, Teile der Raffinerie, große Standorte der Papier- und Holzindustrie sowie Anlagen zur thermischen Abfallbehandlung. Diese Sektoren sind zentrale Pfeiler des Wirtschaftsstandorts. Sie liefern Vorprodukte für Bau und Infrastruktur, sichern Kreislaufwirtschaft und Entsorgungssicherheit und bilden die Basis vieler industrieller Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig entstehen hier Emissionen, die auch langfristig nur begrenzt technisch vermeidbar sind.

Das Szenario unterstellt eine Abscheidequote von 80 % bei den künftigen Anlagen. Unter diesen Annahmen könnten bis 2040 rund 9 Millionen Tonnen CO₂ jährlich erfasst, verdichtet und über eine nationale Transportinfrastruktur zur langfristigen Speicherung transportiert werden.

CCS im Energiesystem

CO₂-Abscheidung ist keine isolierte Industriefrage. Sie wirkt in das gesamte Energiesystem hinein.

Die Modellrechnung zeigt, dass CCS bis 2040 einen zusätzlichen Wärmebedarf von rund 8,9 TWh und einen zusätzlichen Strombedarf von rund 6,5 TWh verursachen würde. Darin enthalten ist auch der Betrieb der Transportinfrastruktur.
Zur Bereitstellung dieser Energiemengen werden zusätzliche Erzeugungskapazitäten erforderlich. Der zusätzliche Bedarf wird laut Studie durch rund 3,6 TWh Biomasse, 4,6 TWh Wasserstoff sowie 2,6 TWh Strom für Energieanlagen gedeckt.

Diese Größenordnungen machen deutlich: CCS ist selbst ein relevanter Energiefaktor. Der zusätzliche Strombedarf entspricht mehreren Prozent der heutigen österreichischen Stromerzeugung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Netze, Speicher und Systemintegration.

Elektrifizierung, Wasserstoff, Wärmepumpen, Mobilität und industrielle Prozessumstellungen greifen ineinander und benötigen erneuerbare Ressourcen. CCS funktioniert daher nur im Zusammenspiel mit einem beschleunigten Ausbau erneuerbarer Erzeugung und einer strategischen Energieplanung. Es ersetzt weder Effizienz noch Elektrifizierung, sondern ergänzt diese dort, wo andere Optionen nicht ausreichen.

CO₂-Infrastruktur in Österreich: Netzausbau und Investitionsbedarf

Die Einführung von CCS erfordert neben Abscheideanlagen auch den Aufbau einer CO₂-Transportinfrastruktur. Im Szenario wächst das Netz schrittweise auf rund 1.000 Kilometer bis 2040 an. Während 2030 zunächst nur wenige Kilometer Leitung erforderlich wären, steigt der Bedarf bis 2035 deutlich an und erreicht bis 2040 ein nationales Verbundnetz mit industriellen Clustern.

Die kumulierten Investitionen bis 2040 werden mit rund 10,7 Milliarden Euro beziffert. Davon entfallen rund 4,3 Milliarden Euro auf Abscheideanlagen, etwa 2,4 Milliarden Euro auf zusätzliche Energieinfrastruktur und rund 4 Milliarden Euro auf den Aufbau des CO₂-Netzes.

Diskutiert wird ein mögliches Transportentgelt in der Größenordnung von etwa 25 Euro pro Tonne CO₂, um die Infrastrukturkosten langfristig zu refinanzieren. Diese Zahlen zeigen: CCS ist keine Einzelmaßnahme, sondern eine langfristige Infrastrukturentscheidung mit industriepolitischer Dimension.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen für CCS in Österreich

Die Wirtschaftlichkeit von CCS hängt wesentlich vom CO₂-Preis und vom regulatorischen Umfeld ab. Der aktuelle Preis im EU-Emissionshandel von rund 70 Euro pro Tonne reicht derzeit nicht aus, um CCS flächendeckend wirtschaftlich zu betreiben.

Gleichzeitig wird erwartet, dass sich CO₂-Preise im EU-ETS langfristig weiterentwickeln und tendenziell steigen könnten. Diese Dynamik verändert die relative Wettbewerbsfähigkeit von CCS schrittweise und kann den Business Case insbesondere für schwer vermeidbare Emissionen strukturell verbessern.

Je nach Technologie und Anlagengröße liegen die spezifischen Kosten für Abscheidung, Transport und Speicherung in einer Bandbreite von unter 200 bis rund 280 Euro pro Tonne CO₂ ohne öffentliche Förderungen.

Für eine breite Marktdurchdringung sind daher verlässliche Rahmenbedingungen erforderlich. Neben dem CO₂-Preis betrifft das Förderinstrumente, Infrastrukturfinanzierung und langfristige Planungssicherheit. CCS ist kein kurzfristiges Kosteninstrument, sondern eine strategische Option für jene Emissionen, die strukturell im System verbleiben.

Volkswirtschaftliche Effekte von CCS: Wertschöpfung und Beschäftigung

Die makroökonomische Analyse zeigt, dass zusätzliche Investitionen in CCS positive Effekte auf Wertschöpfung und Beschäftigung entfalten können, sofern sie strategisch umgesetzt werden.

Im Zeitraum 2028 bis 2040 ergibt sich im Durchschnitt eine zusätzliche jährliche Wertschöpfung von rund 350 bis 400 Millionen Euro. Rund 1.000 zusätzliche Vollzeitäquivalente könnten damit verbunden sein. Entscheidend ist hier allerdings die Finanzierungsstruktur. Werden Investitionen als zusätzliche Impulse umgesetzt, bleiben die gesamtwirtschaftlichen Effekte positiv. Erfolgt die Finanzierung ausschließlich durch Umschichtungen im öffentlichen Budget, können dämpfende Effekte entstehen.

Ein weiterer zentraler Punkt bleibt: Emissionsintensive Grundstoffe werden auch künftig benötigt. Werden sie nicht in Österreich produziert, sondern importiert, verschwinden die Emissionen nicht, sondern verlagern sich ins Ausland. Wertschöpfung und Arbeitsplätze gehen jedoch verloren. CCS kann daher auch einen Beitrag leisten, Carbon Leakage zu vermeiden und industrielle Wertschöpfung im Land zu halten.

Einordnung: CCS als Instrument für unvermeidbare Emissionen

Die Energiewende wird oft als Elektrifizierungsprojekt verstanden. Tatsächlich ist sie ein umfassendes Transformationsprojekt des Industriestandorts. Bestimmte Emissionen lassen sich auch langfristig nicht vollständig vermeiden. Dazu zählen prozessbedingte Emissionen in der Baustoffindustrie ebenso wie Emissionen aus der thermischen Behandlung nicht recyclingfähiger Abfälle oder aus bestimmten chemischen Prozessen.

Ohne eine Lösung für diese Emissionen bleibt Klimaneutralität unvollständig. CCS ist kein Allheilmittel. Es ist ein Instrument für klar definierte Anwendungsfälle. Richtig eingesetzt kann es dazu beitragen, jährlich mehrere Millionen Tonnen strukturell unvermeidbarer Emissionen zu adressieren, industrielle Wertschöpfung zu sichern und Klimaziele erreichbar zu machen.

Für Österreich bedeutet das: Wenn Industrie, Kreislaufwirtschaft und Infrastruktur langfristig klimaneutral werden sollen, wird CCS ein relevanter Bestandteil des Instrumentariums sein — eingebettet in Effizienzmaßnahmen, erneuerbare Energien sowie eine integrierte Energie- und Infrastrukturstrategie.