Die Rolle von Fernwärme für ein klimaneutrales Europa

In der Studie der Universität Aalborg wird überprüft, wie die Erreichung der Klimaneutralität in Europa mit dem Energiebedarf von Gebäuden und der Diversifizierung von Wärmequellen in Verbindung steht. Fernwärme wird eine essentielle Rolle dabei spielen.

Spittelau Fernwärme Turm bei Nacht© Ernst Schauer

Das Wichtigste zuerst

  • Die Raum- und Warmwasserheizung ist für etwa ein Drittel des Endenergiebedarfs in der Europäischen Union (EU) verantwortlich und mehr als 75% dieser Wärme stammen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe.
  • Fernwärme ist mit Haushaltswärmepumpen, Energieeffizienz in Gebäuden und Effizienz/Elektrifizierung in Industriebereichen Teil der Lösung für Europas Energieversorgung.
  • Im Energiesystem von 2050 ist im modellierten System durch Sanierungen der Wärmebedarf um 40% geringer als heute. 48% des Wärmebedarfs von 1.850 TWh im Jahr 2050 können durch Fernwärme gedeckt werden. Für diese Fernwärme stehen europaweit heute doppelt so viele ungenutzte Wärmequellen zur Verfügung.

Worum geht es in der Studie?

Die Universität Aalborg hat im Rahmen des EU finanzierten Projektes Heat Roadmap Europe einen Bericht erstellt und Ende November veröffentlicht, der sich mit dem Energiebedarf von Gebäuden und der Rolle von Fernwärme zur Erreichung der Klimaneutralität in Europa auseinandersetzt. Dabei wurde das europäische Energiemodell sektorübergreifend modelliert und aus Sicht der Studienautor*innen so optimiert, dass möglichst viel fossile Brennstoffe eingespart werden können.

Wärmebedarf in der EU

Der Raum- und Warmwasserenergiebedarf ist für etwa ein Drittel des gesamten Endenergiebedarfs in der Europäischen Union (EU) verantwortlich, mehr als 75% dieser Wärme stammen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Erdgas ist der meistgenutzte Primärenergieträger für die Heizung in der EU-27 + UK. Sein Einsatz in individuellen Heizkesseln hat seit 1990 um 50% zugenommen und weist jetzt einen Marktanteil von etwa 40% aus. Dabei ist der Brennstoffmix und der Bedarf an fossilen Brennstoffen für die Wärmeversorgung der Gebäude in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich.

Gestapeltes Balkendiagramm zu Wärmequellen in Gebäuden nach europäischen Ländern; Anteile von Erdgas, Kohle, Öl, Biomasse, Strom und Fernwärme.
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In der Studie wurden bestehende Szenarien z.B. gemäß RePowerEU mit einem eigenen, mit einem stärkeren Fernwärmeausbau versehene Szenario verglichen. Dabei wurde der Energiebedarf der Sektoren modelliert und mit unterschiedlichen Entwicklungen für den Energieträgermix hinsichtlich Primärenergieverbrauch, Versorgungssicherheit und Kosteneffizienz analysiert.

Die Rolle von Fernwärme

Um die Klimaziele zu erreichen und sich langfristig von fossilen Importabhängigkeiten zu lösen, sind alle verfügbaren Optionen notwendig und umzusetzen. Insbesondere die Rolle von Fernwärme wurde in anderen europäischen Betrachtungen dabei oft übersehen, auch weil Zahlen zur Fernwärme oft nur Länderspezifisch vorhanden sind.

Die Analyse der Auswirkungen der Fernwärmeanteile in verschiedenen Ländern zeigt:

  • Länder, in denen Fernwärme gut etabliert ist, weisen nicht nur eine geringere Abhängigkeit von Erdgas im Wärmesektor auf, sondern auch eine geringere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen in der individuellen Heizung.
  • Zwei Drittel (neun von vierzehn) der Länder, in denen Fernwärme einen Marktanteil von weniger als 20% hat, sind zu mehr als der Hälfte von fossilen Brennstoffen in der individuellen Heizung abhängig.

Individuelle Heizkessel, die fossile Brennstoffe verbrennen, machen über 70% des Wärmemarktes in den zehn Ländern aus, in denen Fernwärme einen Marktanteil von weniger als 10% hat, wie z.B. Deutschland, Italien, Belgien, Irland und die Niederlande.

Effekte, die durch den Ausbau von Fernwärme erzielt werden könnten

Durch die Entwicklung neuer Fernwärmesysteme und die Verdichtung bestehender Fernwärmesysteme, sowie durch die Änderungen im Brennstoffmix, würde ein höherer Anteil von Erneuerbaren und Abwärmequellen in den Wärmesektor integriert werden. Die Bereitstellung von 20% des europäischen Wärmebedarfs durch Fernwärme bis 2030 würde die kurzfristige Energieeffizienz des europäischen Energiesystems steigern und eine kosteneffiziente Reduzierung des Erdgasverbrauchs mit sich bringen.

Die Studie zeigt die Beiträge zur Einsparung an Erdgas, die mit einem systemischen Ansatz erreicht werden können.

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Fernwärme wird dabei als eine der wirksamsten auch mittelfristigen Lösungen zur Reduzierung des Erdgasbedarfs identifiziert und kann bis 2030 eine Reduktion von 24 Mrd. m³ ermöglichen. Haushaltswärmepumpen, Energieeffizienz in Gebäuden und Effizienz/Elektrifizierung in der Industrie tragen ebenfalls jeweils 33, 23 bzw. 25 Mrd. m³ bei. Die Reduktionen durch Fernwärme werden zu einem Teil durch die Änderung der Fernwärmeproduktion, aus der Nutzung von Biomethan in effizienten KWK-Anlagen und aus einer Erweiterung des Anteils von Fernwärme von 20% am Wärmebedarf im Gebäudesektor erzielt.

Die Einführung neuer Systeme und die Modernisierung bestehender Systeme können einen effizienten Wärmewandel für Zentral- und Osteuropa ermöglichen, wobei auf die vorhandene Infrastruktur zurückgegriffen und modernisiert wird, um Erneuerbare und Abwärmequellen zu nutzen. Die in der Studie vorgeschlagenen Maßnahmen zur Umgestaltung des Energiesystems, könnten inklusive der in RePowerEU enthaltenen Maßnahmen (Verhaltensänderungen, Preismechanismen, Ausbau von LNG und Wasserstoffimport,...) bis 2030 insgesamt 328 Mrd. m³ Gas einsparen, was etwa 15% über dem von der Europäischen Kommission angestrebten Niveau von Fit for 55 und REPowerEU liegt. In diesem System liefert Fernwärme etwa die Hälfte dieser Verbesserung oder 8% der zusätzlichen Einsparungen.

Der intelligente Energiesystemansatz für das Ziel der langfristigen CO2-Neutralität

Durch eine Steigerung des Marktanteils von Fernwärme auf 48% (durch Ausbau und in Kombination mit Einsparungen in Gebäuden) wird eine kosten- und ressourceneffiziente Dekarbonisierungsstrategie für Wärme ermöglicht, wobei das Potenzial von Abwärme und einer breiteren Vielfalt an erneuerbaren Energiequellen wie Geothermie und Solarthermie genutzt wird.

Der Ausbau von Fernwärme ist auch eine wichtige Voraussetzung für die Balance des Energiesystems und die Integration von mehr erneuerbaren Energien wie Windkraft und Photovoltaik ins Stromnetz. Es ist Teil eines intelligenten Energiesystemansatzes, der die kosteneffiziente Integration erneuerbarer Energiequellen ermöglicht. Um die Chancen für eine verbesserte Energieeffizienz im Wärmesektor eingehend zu bewerten, ist es wichtig, die Wärmeversorgung im Kontext des gesamten Energiesystems auch zeitlich differenziert zu betrachten – was in der Studie auch sektorübergreifend modelliert wird, um insbesondere das Potenzial im Wärmesektor mit zu berücksichtigen.  Das Modell baut auf sektorübergreifenden Verbindungen auf, um zusätzliche Flexibilitätsquellen zu erschließen, wie zum Beispiel Elektrofahrzeuge, Strombasierte-Kraftstoffe und Fernwärmesysteme. Dabei werden auch alle verschiedenen Arten von Speichern genutzt um effizient Flexibilitäten zur Verfügung zu stellen und das Energiesystem zu stabilisieren. Für das Modell geht man auch von einer 40%ige Reduzierung des Wärmebedarfs im Gebäudebestand aus. Das ist im Vergleich zu der 55% Reduktion im europäischen Maßnahmenbündel eine geringere Einsparung bei der Nachfrage im Gebäudebereich, ist aber der wesentlich kosteneffizientere Weg zur Erreichung der Klimaneutralität.

Fernwärme ist die Technologie zur Integration erneuerbarer Energien

Der Raumwärme- und Warmwasserwärmebedarf schwankt im Jahresverlauf erheblich. Grundlastwärmequellen wie industrielle Abwärme, Geothermie und Müllverbrennung sowie neue Quellen aus Rechenzentren und Elektrolyse bieten eine kontinuierliche Verfügbarkeit. Diese Quellen können jedoch normalerweise nicht kombiniert werden, da ihre kontinuierliche Ausgabe die kostengünstigste Quelle der lokalen Versorgung dominiert. Solarenergie kann ergänzend eingesetzt werden, wenn Abwärme knapp ist.

Eine Erhöhung des Marktanteils der Fernwärme auf 20% bis 2030 und auf 48% bis 2050 hat Auswirkungen auf die Stabilität der Energieversorgung in Zeiten von Energiekrise und langfristig auf den Klimaschutz, da es einen höheren systemweiten Anteil an erneuerbarer Energien ermöglicht:

  • Im systemischen Ansatz wird geothermische Energie und Abwärme erheblich ausgebaut. Bis 2030 werden diese Energieformen bereits 29% des Energiemix ausmachen und bis 2050 werden es 49% sein.
  • Die Gesamtmenge der aktuellen und potenziellen Wärmequellen wie Abwärme aus Industrie, aus Kläranlagen, aus dem Lebensmittelhandel, von U-Bahn-Stationen, der Elektrolyse, aus Rechenzentren und aus Tiefengeothermie beträgt laut der Studie mehr als 2.000 TWh pro Jahr. Im Energiesystem von 2050 sinkt der Wärmebedarf um 40%. Da 48% des Wärmebedarfs von 1850 TWh im Jahr 2050 durch Fernwärme gedeckt werden kann, bedeutet das, dass ungenutzte Wärmequellen zur Verfügung stehen, um den doppelten realisierbaren Fernwärmeanteil im Jahr 2050 abzudecken.
  • Systemisch kann Fernwärme dabei auch helfen die schwankende Erzeugung durch erneuerbarer Energien im Stromnetz auszugleichen. Dazu müssen die Potentiale der thermischen Speicherung und der flexible Betrieb von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) und Großwärmepumpen genutzt werden. Diese Maßnahmen helfen die Energieeffizienz und die Stabilität des Stromnetzes zu verbessern.

Entscheidend ist es die Gebäude auch im Fernwärmegebiet so zu sanieren, dass diese mit niedrigeren Temperaturen auskommen und über die Digitalisierung auch besser steuerbar werden, um Abwärme besser integrieren zu können und um Großwärmepumpen effizient betreiben zu können.

Die durch eine geeignete Renovierung erreichte Reduktion der Wärmelastspitzen, führt auch zu einer besseren Ausnutzung der Grundlastwärme wie Abwärme und geothermische Energie.

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Investitionen in Fernwärme und die Anzahl neuer Systeme

Der Ausbau der Fernwärme erfordert erhebliche Investitionen in die Wärmeinfrastruktur. Bis 2030 werden insgesamt 144 Milliarden Euro benötigt, um von 13% - dem heutigen Marktanteil - auf 20% und zusätzliche 541 Milliarden Euro auf 48% bis 2050 zu wachsen. Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, die Niederlande und das Vereinigte Königreich sind die Länder, in denen der höchste Investitionsbedarf besteht. Jedes Land muss mindestens 20 Milliarden Euro investieren, um die Fernwärme vor 2050 auszubauen. Andere Länder wie Österreich, die Tschechische Republik, Griechenland, Ungarn, Polen, Portugal und Rumänien müssen bis 2050 mindestens 5 Milliarden Euro investieren.

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Fernwärme in den größeren städtischen Gebieten wird ausgebaut werden müssen. Europaweit müssen jedoch auch viele neue Fernwärmesysteme gegründet werden, um die langfristigen Ziele zu erreichen. Die Studie zeigt aber, dass die Investitionen in Fernwärme eine sehr hohe Kosteneffizienz aufweist.

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