Micha Gruber

Der Wiener Klima-Fahrplan

Der Wiener Klimafahrplan ist Teil der neuen Klima-Governance Struktur und legt alle Ziele der Stadt Wien im Klima- und Energiebereich fest. Darüber hinaus wurde mit dem Plan auch ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgelegt, mit dem diese Ziele erreicht werden sollen.

Blick über Donau und Donauinsel
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Wien wird klimaneutral

Die zentralen übergeordneten Klimaziele der Stadt Wien im Klima-Fahrplan lauten:

  • Die Treibhausgasemissionen pro Kopf sollen bis 2030 um 55% reduziert werden (gegenüber dem Basisjahr 2005).
  • Bis 2040 soll Wien klimaneutral sein.
  • Der Wiener Endenergieverbrauch wird 2030 zur Hälfte und 2040 vollständig aus erneuerbaren und dekarbonisierten Quellen gedeckt.
  • Wiener Treibhausgasbudget: Ab 2021 beträgt das Wiener Treibhausgasbudget maximal 60 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente.
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Raus aus Gas

Bis 2040 wird Wien gänzlich aus der fossilen Wärmeversorgung aussteigen. Praktisch bedeutet das: Raus aus Gas! Der Endenergieverbrauch für Heizen, Kühlen und Warmwasser in Gebäuden soll bis 2030 pro Kopf um 20% und bis 2040 um 30% sinken. Zielgerichtete Förderprogramme für die thermische Sanierung und den Kesseltausch sollen dazu entwickelt werden und den Weg ebnen. Ziel der Förderung soll dabei immer sowohl die Anreizsetzung als auch die soziale Abfederung beim Wechsel auf Erneuerbare oder Fernwärme sein. Pilot- und Demonstrationsprogramme wie "100 Gebäude: Gastherme raus und Erneuerbare rein" sollen Lösungen für den besonders herausfordernden Umstieg von Gasthermen auf erneuerbare Energien entwickeln. Zusätzlich sollen freiwillige Vereinbarungen, sogenannte "Klima-Allianzen" zwischen der Stadt und großen Gebäudeeigentümern und -verwaltern, eine Plattform für die gegenseitige Unterstützung auf dem Weg zum öl- und gasfreien Gebäudebestand bilden. Die Stadt selbst will bis 2025 von städtischen Unternehmen Pläne erhalten, wie deren Gebäudebestand bis 2040 dekarbonisiert werden kann. Magistratsgebäude sollen spätestens 2035 mit klimafreundlichen Energieträgern beheizt und wo technisch machbar mit PV-Anlagen ausgestattet werden.

Das Wiener Fernwärmenetz soll insbesondere im innerstädtischen Bereich erweitert und insgesamt dekarbonisiert werden. 2040 sollen ca. 60% des Wärmebedarfs über die Fernwärme abgedeckt werden. Dazu sollen Tiefengeothermiepotenziale sowie Umgebungs- und Abwärmepotentiale mittels Großwärmepumpen erschlossen werden. Für den raschen Anschluss von Bestandsgebäuden an die Fernwärme, sobald das Fernwärmenetz dort verfügbar ist, sollen Anreize und der ordnungspolitische Rahmen gesetzt werden, um sicherzustellen, dass getätigte Investments in das Fernwärmenetz auch rasch refinanzierbar werden. Zudem sollen Wärmespeicher realisiert und die Energieraumpläne auch auf den Bestand ausgeweitet werden.

Grünes Gas soll in Wien künftig für Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen oder andere energetisch hochwertige Verwendungszwecke, nicht aber für Heizung und Warmwasser genutzt werden. Mit Grünem Gas betriebene Gaskraftwerke bzw. Gas-KWKs zur Spitzenlastabdeckung und zur Stabilisierung des Stromnetzes in und um Wien sollen erhalten werden.

PV-Offensive macht Wien zur Sonnenstadt

Die Dächer von Wohn- und Industriegebäuden weisen ein großes Potenzial für den Ausbau von Photovoltaik auf. Die Flächen dazu müssen mobilisiert werden. Bis 2025 sollen mögliche Gebäude und Flächen der Stadt Wien mit PV-Anlagen ausgestattet werden. Das Ziel sind 50 MWp auf Magistrats-Gebäuden. Neben Dach- und Fassadenflächen sollen Anlagen im öffentlichen und halböffentlichen Raum, wie z.B. Parkplätze, Lärmschutzwände, Autobahnen, realisiert werden.

Um den Ausbau voranzutreiben, sollen Genehmigungsverfahren vereinfacht werden, wozu das Wiener Elektrizitätswirtschaftsgesetz sowie baurechtliche Bestimmungen angepasst werden. Investitionsanreize für PV-Gemeinschaftsanlagen sollen über eine Sonderförderschiene gesetzt werden. Die verpflichtende Errichtung von Photovoltaikanlagen auf allen Neubauten sowie bei größeren baulichen Änderungen auf dem Dach soll erweitert werden. Auch der weitere Netzausbau zur Aufnahme der zusätzlichen PV-Kapazitäten soll unterstützt werden.

Dabei will die Stadt alle BürgerInnen einladen, Teil der Wiener PV-Offensive zu werden. Dazu sollen Beratungen für Erneuerbare Energiegemeinschaften angeboten werden und ein Zentrum für erneuerbare Energien als Beratungseinrichtung zum Thema Förderungen und Genehmigungen von erneuerbarer Energie geschaffen werden.

Mobilität geht auch emissionsfrei

Der Mobilitätssektor ist auch in Wien das Sorgenkind der Energiewende. Daher sollen die CO2-Emissionen des Mobilitätssektors bis 2030 pro Kopf um 50% sinken. Der Motorisierungsgrad soll bis 2030 bei privaten PKWs auf 250 pro 1.000 EinwohnerInnen sinken. Stellplätze im öffentlichen Raum sollen sukzessive reduziert und ab 2030 nur mehr Fahrzeuge mit nicht-fossilen Antrieben neu zugelassen werden. Der Endenergieverbrauch des Mobilitätssektors soll in Summe pro Kopf bis 2030 um 40% sinken, bis 2040 sogar um 70%. Für Fahrzeuge mit hohen CO2-Emissionen sollen Einfahrts- oder Parkverbote verabschiedet werden.

Darüber hinaus soll der Ausbau der Ladestationen in Garagen und im halböffentlichen Raum weiter vorangetrieben werden. Dazu soll der rechtliche Rahmen angepasst werden, um die Anzahl der E-Ladesäulen zu erhöhen, Trafos auf die benötigte Leistung auszurichten und die notwendigen baulichen Maßnahmen für den Einbau von Ladestationen in Garagen und halböffentlichen Parkplätzen zu präzisieren. Zusätzlich soll eine Förderung intelligenter Ladesysteme für Elektroautos im Wohnbau eingeführt werden. Damit soll eine möglichst niedrige Belastung für die Netze gewährleistet werden und die Kosten für den Netzausbau so gering wie möglich gehalten werden. Auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum soll weiter vorangetrieben werden. Darüber hinaus sollen innovative Projekte unterstützt (z.B. induktives Laden) sowie Sharing-Angebote weiter ausgebaut werden.

Durch einen Mix aus ordnungsrechtlichen Vorgaben und unterstützenden Anreizinstrumenten sollen Lieferfahrzeuge bereits 2030 weitgehend emissionsfrei unterwegs sein. Die Wiener Taxiflotte soll bis 2025 sukzessive auf Elektroautos und andere emissionsfreie Technologien umgestellt werden. Die städtische KFZ-Flotte soll ab 2025 keine neuen Benzin- oder Dieselfahrzeuge mehr anschaffen.

Der öffentliche Verkehr soll auch weiterhin das Rückgrat der urbanen Mobilität in Wien bilden. Daher soll drei mal mehr Geld in den Ausbau der Öffis fließen, als in den Straßenbau- und erhalt. Darüber hinaus soll auch der öffentliche Verkehr selbst weiter dekarbonisiert werden. Hier will man besonders auf grünen Wasserstoff zur Betankung von Bussen und anderen Schwerverkehrsfahrzeugen setzen.

Abfall: vermeiden, verwerten, recyceln

Die Abfallmengen werden in Wien durch vielfältige Maßnahmen zur Abfallvermeidung reduziert. Das EU-Ziel von 60% Recyclingquote wird Wien bis 2030 übertreffen. Bis 2050 werden 100% der nicht vermeidbaren Abfälle verwertet. Vor 2040 sollen Maßnahmen zur Abscheidung von Kohlenstoff ("Carbon Capture") aus den Rauchgasströmen getroffen werden. Bei gleichzeitiger Abscheidung biogener CO2-Emissionen sollen „negative Emissionen“ im Ausmaß von bis zu 300.000 Tonnen pro Jahr und damit eine Kohlenstoffsenke in Wien erzielt werden. Außerdem soll bis Ende 2023 eine Kreislaufwirtschaftsstrategie für Gebäude und Infrastruktur erstellt und in Umsetzung gebracht werden.

Die Wiener Wirtschaft soll ihre Materialeffizienz bis 2030 um 30% und bis 2040 um weitere 10% steigern. Mit Förderungen, gesetzlichen Regelungen und Beratungen zur Mobilisierung erneuerbarer Energiepotenziale am Standort von produzierenden Betrieben, sollen Klimaschutzpotentiale bei Unternehmen erschlossen werden (z.B. Solarstromproduktion und innerbetriebliche Nutzung von Abwärme und Umgebungswärme). Die Wiener Unternehmen werden bei der Dekarbonisierung ihrer Prozesswärme unterstützt. Dazu soll verstärkt auf Forschungs-, Innovations- und Umsetzungsförderung gesetzt werden. Gegebenenfalls wird Unterstützung bei einer Übersiedelung an einen Standort mit einem Anschluss an ein Grüngas-Netz, wenn Grünes Gas unverzichtbar ist (z.B. ab Prozesswärmebedarf über 700°C), angeboten.

Wien wird klimaresilient

Neben Maßnahmen zur Einhaltung des Wiener Treibhausgasbudgets und Erreichung der Klimaneutralität 2040 ist die Klimawandelanpassung die zentrale zweite Säule des Wiener Klimafahrplans. Alle Bevölkerungsgruppen, insbesondere vulnerable, sollen vor den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels geschützt werden. Besonders der Hitze in Städten muss entgegengewirkt und über die Auswirkungen informiert und aufgeklärt werden. Eine klimagerechte Stadtentwicklung soll als verbindliches Prinzip in allen Planungsphasen verankert werden. Mit unversiegelten Böden soll sparsam umgegangen werden und grüne Infrastruktur gesichert bzw. erweitert werden. Die Begrünung und passive Kühlung von Gebäuden soll gefördert werden, auch Fernkälte als klimafreundliche Kälteversorgung wird ausgebaut.

Mit 100 Maßnahmen zur Klimaneutralität

Auf Basis der gemeinsamen Ziele wurden mit ExpertInnen über 100 Maßnahmen zu Erreichung erarbeitet. Verschiedene Instrumente sollen zur Umsetzung des Wiener Klima-Fahrplans zur Verfügung stehen:

Die Smart City Strategie gibt den übergeordneten Orientierungsrahmen, im Wiener Klimabudget werden darauf basierend jährlich Entscheidungen darüber getroffen, welche klimarelevanten Maßnahmen und Instrumente im nächsten Budgetjahr umzusetzen sind. Der Wiener Klimacheck soll einzelne Projekte frühzeitig auf ihre Klimawirksamkeit hin bewerten. Im noch ausständigen Wiener Klimaschutzgesetz sollen relevante Zielsetzungen und Governance-Strukturen festgeschrieben werden. Beratend zur Seite steht der Wiener Klimarat, der aus ExpertInnen sowie Menschen aus Politik und Zivilgesellschaft besteht.