Für die Dekarbonisierung bestehender Fernwärmenetze verfolgen europäische Großstädte unterschiedliche Ansätze und Strategien. Eine Analyse zeigt, inwieweit sich „Best-Practice“ Beispiele für die Stadt Wien ableiten lassen.
© Eigene Darstellung nach AITDie Dekarbonisierung des Wärmesektors spielt für das Erreichen von Klimaneutralität eine zentrale Rolle – insbesondere Städte stehen dabei vor komplexen Herausforderungen.
Zur Identifikation innovativer Best-Practice Beispielen zur Dekarbonisierung des Wärmesektors in europäischen Großstädten hat das AIT im Auftrag der Abteilung Energieplanung der Stadt Wien (MA20) eine Studie durchgeführt.
Dafür wurden folgende Städte ausgewählt, die eine gewisse Vergleichbarkeit mit Wien hinsichtlich Größe, Klima, Fernwärmedurchdringung, Ambitionen und der Verfügbarkeit von Informationen aufweisen:
Hierbei standen zwei Leitfragen im Mittelpunkt:
Zur Beantwortung dieser Fragen wurden öffentlich verfügbare Informationen ausgewertet und mit Hilfe von Kontakten zu lokalen Stakeholder*innen ergänzt. Die Arbeiten wurden von Vertreter*innen der Stadt Wien, Wiener Stadtwerke, Wien Energie und UIV Urban Innovation Vienna, die Klima- und Innovationsagentur Wien, begleitet. Die Ergebnisse der Analysen wurden in Städteprofilen umfassend dokumentiert und systematisch aufbereitet sowie die wesentlichen Erfolgsfaktoren zusammengefasst.
In diesem Beitrag werden die Erkenntnisse bezüglich der Dekarbonisierung bestehender Fernwärmenetze fokussiert.
Der Ausbau der Fernwärmesysteme in den untersuchten Städten variiert stark, von nordischen Städten wie Kopenhagen, Helsinki und Stockholm, mit teilweise weit über 80 Prozent Anschlussgrad, bis hin zu Amsterdam, mit einem 11 Prozent Anschlussgrad. Diese Unterschiede basieren auf Faktoren wie beispielsweise den Anschlusspflichten in Dänemark oder der Konkurrenz durch Erdgas.
Gleichzeitig ist die Fernwärme-Erzeugung aktuell nahezu vollständig verbrennungsbasiert; nennenswerte Ausnahmen mit Anteilen im Bereich von rund 10 Prozent bilden München (Geothermie), Helsinki und Stockholm (Großwärmepumpen). Die wichtigsten Brennstoffe sind Erdgas und Müllverbrennung. In Helsinki, Paris, Zürich, Kopenhagen und Stockholm werden relevante Mengen biogener Brennstoffe eingesetzt. Alle untersuchten Städte nutzen Abwärme aus der Müllverbrennung.
Die Fernwärmenetz-Temperaturen sind überwiegend hoch, teilweise sind die Systeme dampfbasiert. Fernkälte wird in allen untersuchten Städten hauptsächlich für gewerbliche Kund*innen angeboten.
Im Detail lassen sich folgende Schlussfolgerungen für die wesentlichen Wärmeerzeugungs-Technologien der Zukunft zusammenfassen:
Allen untersuchten Städten ist gemein, dass voraussichtlich gewisse Anteile an Verbrennungsprozessen auch in einer vollständig dekarbonisierten Fernwärmeerzeugung erhalten bleiben werden:
Um die Integration der genannten Wärmequellen in die Fernwärmenetze der untersuchten Städte zu unterstützen bzw. zu ermöglichen, sind folgende Begleitmaßnahmen wesentlich:
Neben den genannten technischen Maßnahmen sind folgende Faktoren zu erwähnen:
Zwei generelle Erkenntnisse lassen sich aus der Analyse der Dekarbonisierungs-Strategien der Fernwärme in den betrachteten Städten ableiten:
Die wesentliche Rolle von Großwärmepumpen sowie die bleibende Rolle von Verbrennungsprozessen (vor allem Müllverbrennung), wenn auch mit unterschiedlichen Anteilen. Die Nutzung weiterer Wärmequellen, wie Geothermie und Abwärme, hängt von den lokalen Potenzialen ab. Unterschiede bestehen auch in der Wahl weiterer Brennstoffe, wie Wasserstoff und Biomasse. Alle Städte zeigen, dass Speicher, Digitalisierung, CCS und niedrige Netztemperaturen wichtige Enabler für die Integration der genannten Wärmequellen sind.
*Die Inhalte dieses Gastbeitrages sind aus den Erkenntnissen der von der Abteilung Energieplanung der Stadt Wien beauftragten Studie „Dekarbonisierung des Wärmesektors“ entstanden. Die Quellen und Verweise sind in der Studie referenziert.
© KrischanzSenior Research Engineer I AIT Austrian Institute of Technology