Gastbeitrag: SoutH2 Corridor – Europas südliche Wasserstoffroute für Versorgungssicherheit und Energiewende

Philipp Brugner

Im Dezember 2025 hat die Europäische Kommission das European Grids Package (EGP) vorgelegt. Das Paket besteht aus einer Reihe von Vorschlägen, wie die Planung europäischer Energienetze in Zukunft aussehen soll, und führt das fort, was Ursula von der Leyen in ihrer „State of the Union“-Rede am 10. September 2025 zum ersten Mal ins Treffen geführt hatte – eine rasche Vollendung einer echten Energie-Union durch strategische Infrastrukturprojekte („Energy Highways“ – dt. „Energie-Autobahnen“) für den Import, Transport bzw. Export von Strom, Gas und Wasserstoff zwischen den EU-Mitgliedsländern und über die Grenzen der Union hinweg. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der SoutH2 Corridor?

H2 Rohre© Adobe Stock

Der SoutH2 Corridor als europäische Wasserstoff-Importroute

Der SoutH2 Corridor ist eine gemeinsame Initiative der Netzbetreiber Snam (Italien), TAG (Österreich), Gas Connect Austria und bayernets (Deutschland). Er stellt eine geplante Importroute für grünen Wasserstoff dar, der künftig in Algerien und Tunesien produziert und über großteils bestehende, umgerüstete Leitungsnetze zur industriellen Nutzung nach Italien, Österreich und Deutschland transportiert werden soll.

Die Gas Connect Austria ist mit ihrem Projekt „H2 Backbone WAG+Penta-West“ für einen Teilabschnitt dieser Route auf österreichischem Boden verantwortlich.

Warum es ohne grenzüberschreitende und sektorübergreifende Infrastrukturplanung nicht geht

Ein aktueller Vorschlag im European Grids Package (EGP) sieht vor, die Planung der europäischen Energienetze zukünftig stärker auf ein zentral von der EU entwickeltes Szenario zu stützen, anstatt dieses wie bisher maßgeblich von den ENTSOs erstellen zu lassen. ENTSOs steht für „European Networks of Transmission System Operators“, das sind die Europäischen Zusammenschlüsse der europäischen Fernleitungsnetzbetreiber für Gas „ENTSO-G“ und Wasserstoff „ENNOH“ und der Übertragungsnetzbetreiber für Strom „ENTSO-E“. Darüber hinaus soll die Planung der einzelnen Infrastrukturen für Strom, Gas, Wasserstoff und CO2 nicht getrennt voneinander, sondern sektorübergreifend gemacht werden. Die Instrumente PCI (Projects of Common Interest) und CEF (Connecting Europe Facility) sind europäische Maßnahmen, um die Planung und Finanzierung von grenzüberschreitender Energieinfrastruktur innerhalb der EU zu unterstützen.

Im vergangenen Jahr erhielten 235 auf erneuerbare Energien ausgerichtete Projekte den PCI-Status, darunter auch jene vier, die hinter dem SoutH2 Corridor stehen (über den PCI-Status und die vier Einzelprojekte können Sie hier mehr erfahren). Besonders erfreulich ist auch, dass der Offshore-Abschnitt „SeaCorridor“ (eine Unterwasser-Pipeline durch das Mittelmeer) von Cap Bon in Tunesien nach Mazara del Vallo in Italien, der die zukünftigen Wasserstoff-Produktionszentren in Tunesien und Algerien mit dem auf europäischem Boden existierenden Leitungsnetz der genannten Netzbetreiber verbinden soll, im Rahmen der PCI-Vergabe erstmals auch als „Project of Mutual Interest“ (PMI) ausgezeichnet wurde. Damit wurde die Voraussetzung geschaffen, dass auch das letzte Teilstück dieses europäischen Wasserstoff-Importkorridors für beschleunigte Genehmigungen und potentielle CEF-Fördermittel in Frage kommt.

Warum die Dekarbonisierung der europäischen Industrie ohne Wasserstoff-Importe nicht realisierbar ist

Die Dekarbonisierungsziele der europäischen Industrie sind im Green Deal bzw. Clean Industrial Deal eindeutig festgelegt: Bis 2040 sollen die industriellen CO2-Emissionen um 90% sinken. Bis 2050 will man in der EU zudem klimaneutral sein. Österreich strebt Klimaneutralität sogar schon bis 2040 an, ohne der Industrie Zielvorgaben zur CO2-Reduktion zu machen.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen mittlerweile, dass diese beiden Ziele ohne den Import von klimaneutralem Wasserstoff nicht realisierbar sein werden. Insbesondere der Import von grünem Wasserstoff (klimaneutraler Wasserstoff, für dessen Herstellung ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne genutzt wird) ist dabei unerlässlich, da bestimmte Produktionsprozesse in Industrien wie Stahl, Chemie und Zement nicht vollständig elektrifizierbar und damit auf eine klimaneutrale Alternative angewiesen sind.

Mit dem erwähnten SoutH2 Corridor verfolgt die Gas Connect Austria zusammen mit ihren Partnern das ehrgeizige Ziel, große Mengen des grünen Wasserstoffs nach Europa zu bringen. Das avisierte Importpotential des SoutH2 Corridor beträgt bis zu 4 Millionen Tonnen jährlich und könnte damit wesentlich zum EU-Ziel von 10 Millionen Tonnen Import ab 2030 beitragen. Ungeachtet der bestätigten technischen Machbarkeit des Vorhabens bestehen noch einige regulatorische und finanzielle Hürden, die es für eine Realisierung zu überwinden gilt. Von der Einstufung als Energie-Autobahn und damit als Vorhaben hoher Priorität für die energiepolitischen Ziele der EU, erwarten wir uns als Projektwerber nun konkrete Maßnahmen zur Lösung der noch offenen regulatorischen und finanziellen Fragen. Zusätzlich brauchen wir eine rasche Umsetzung des neuen Gaswirtschaftsgesetzes (GWG), das den nationalen Rahmen für den Wasserstoffmarkt und die -infrastruktur mitbestimmen wird.

European Grids Package und das neue Gaswirtschaftsgesetz: Ausgestaltung entscheidend für Realisierung der Ziele

Wenn der Energieverbrauch in schwer zu dekarbonisierenden Sektoren deutlich reduziert werden soll, so braucht es die ausreichende Verfügbarkeit mit gleichzeitiger Zugänglichkeit von erneuerbaren Energieträgern – insbesondere Wasserstoff. Gleichzeitig muss in Phasen des Übergangs jederzeit gewährleistet sein, dass Versorgungssicherheit durch ausreichend vorhandene Energie gegeben ist.
Im konkreten Fall des SoutH2 Corridors geht es um die Umrüstung der existierenden Gasinfrastruktur, die Nutzung bestehender Trassen sowie den punktuellen Neubau von Leitungen, um damit zur Errichtung eines transeuropäischen Wasserstoffnetzes beizutragen – eine Voraussetzung dafür, dass der zukünftige Energieträger Wasserstoff in ausreichenden Mengen und zu wettbewerbsfähigen Bedingungen verfügbar gemacht wird. Mit dem Rückgriff auf bestehende Gasinfrastruktur so weit als möglich können Synergien gehoben, Kosten gesenkt und Genehmigungsverfahren schneller erledigt werden. Als zukünftige Autobahn für den Import von grünem Wasserstoff würde der Korridor auch direkt zum Hochlauf eines gesamteuropäischen Wasserstoffmarktes beitragen.

Fünf zentrale Maßnahmen des European Grids Package für das Projekt „H2 Backbone WAG+Penta-West“

Im Hinblick auf das European Grids Package gibt es fünf Maßnahmen, die für die Entwicklung des GCA-Projektes „H2 Backbone WAG+Penta-West“ als Teil des SoutH2 Corridor relevant sind:

 

  1.  Stärkung und Anpassung von Instrumenten zur Kostenverteilung über Ländergrenzen hinweg (CBCA – Cross Border Cost Allocation)
  2. Zentrale EU-Szenarioplanung nur in Kombination mit EU-Derisking-Instrumenten vorstellbar
  3. Politische Priorisierung der Energie-Autobahnen
  4. Aufwertung des PCI-Status durch eine konsequente Entbürokratisierung und spürbare Verfahrensbeschleunigung im Auswahlverfahren.
  5. Praktikable Beschleunigung von Genehmigungsverfahren

Nationaler Rahmen des österreichischen Wasserstoff-Startnetzes und „H2 Backbone WAG+Penta-West“

Neben der Ausgestaltung der von der EU vorgebrachten Vorschläge ist der nationale Rahmen der zweite wesentliche Baustein für die Realisierung unseres Projektes H2 Backbone WAG+Penta-West als Teil des österreichischen Wasserstoff-Startnetzes und für die Forcierung des genannten Markthochlaufs. Wie dieser nationale Rahmen aussehen wird, entscheidet sich mit der Umsetzung der EU-Gasbinnenmarktrichtlinie (Richtlinie (EU) 2024/1788 über die Binnenmärkte für erneuerbares Gas, Erdgas und Wasserstoff) in österreichisches Gesetz. Der österreichische Gesetzgeber behandelt diese Materie in der Novellierung des existierenden Gaswirtschaftsgesetzes (GWG). Die o.a. EU-Gasmarktrichtlinie ist laut EU-Vorgabe bis 05. August 2026 in nationales Gesetz zu übertragen.

Die folgenden Punkte sind aus unserer Sicht zentral, um Errichtung und Finanzierung unseres Teiles des nationalen Wasserstoff-Startnetzes zu gewährleisten:

  1. Ehestmögliche Eröffnung des Verfahrens zur Zertifizierung als Wasserstofffernleitungsnetzbetreiber („HTNO“)
  2. Festlegung der Fernleitungen TAG, WAG und Penta West, die Teil des SoutH2 Corridors sowie der 7. Europäischen PCI-Liste sind, als Bestandteile eines Wasserstoff-Startnetzes
  3. Finanzierungsmodell für den Wasserstoff-Hochlauf ohne marktgebundene Risiken (z.B. Mengenrisiko) sowie Sicherstellung eines adäquaten Risiko-Rendite-Profils
  4. Anerkennung der derzeitigen Wegerechte für alle Gase und Umwidmung bestehender Netze

 

Um die ersten Mengen grünen Wasserstoffs ab den frühen 2030er Jahren durch den SoutH2 Corridor zu importieren, muss auf europäischer und nationaler Ebene also noch ein gutes Stück Arbeit geleistet werden. Als Gasinfrastrukturbetreiber mit der Möglichkeit für zukünftigen Transport und Verteilung des begehrten Energieträgers ist die GCA ein entscheidender Partner für den Aufbau eines Wasserstoff-Marktes und die Dekarbonisierung von Industrie – sowohl auf österreichischer, als auch auf europäischer Ebene.

Wie unsere Erwartungen und Forderungen an die Umsetzung des EGP und an ein Finanzierungsmodell für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur in Österreich im Detail aussehen, das haben wir in unserem Positionspapier zum EGP und in diesem Beitrag zum Finanzierungsmodell für H2-Infrastruktur festgehalten.