Wer soll künftig die Kosten der Stromnetze tragen? Der aktuelle Entwurf des Elektrizitätswirtschaftsgesetzes (ElWG) sieht vor, auch Einspeiser zur Kasse zu bitten. Jedoch: Eine Studie von Aurora Energy Research im Auftrag von Oesterreichs Energie zeigt: Zusätzliche Netzentgelte für Erzeuger würden die Wettbewerbsfähigkeit der Stromerzeugung in Österreich schwächen, Investitionen bremsen und Kund*innen keinen Vorteil bringen.

Der Sommer ist zu Ende, doch energiepolitisch bleibt es heiß: Die Bundesregierung hat mit dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) und dem Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz zwei zentrale Vorhaben vorgelegt. Parallel flammt die Diskussion über Inflation und Strompreise immer wieder auf. Vor allem gestiegene Netzkosten werden hier immer wieder als Kostentreiber angeführt. Aber bevor wir auf die Finanzierung der Netze eingehen: Hier ist eine differenzierte Betrachtung notwendig. Erstens ist der Netzausbau unverzichtbar, um unser Stromsystem zukunftsfit zu machen – für mehr Erneuerbare, neue Lasten (E-Mobilität, Wärmepumpen) und weiterhin höchste Versorgungssicherheit. Das verursacht jetzt zwar Kosten, senkt aber langfristig System- und Klimarisiken. Zweitens lohnt der Blick auf Relationen: Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Inflation seit 1999 liegen die Netzentgelte real (mit regionalen Unterschieden) meist noch immer auf dem Niveau von 2001 (oder darunter) – trotz gestiegener Anforderungen und besserer Versorgungsqualität.
Im aktuellen Begutachtungsentwurf des ElWG findet sich eine kurze, aber weitreichende Passage: „Das Netznutzungsentgelt ist von Entnehmern und Einspeisern pro Zählpunkt zu entrichten“ (§ 120 (2)). Das wäre ein Bruch mit der bisherigen Logik, nach der Netzkosten im Wesentlichen von den Verbraucher*innen getragen werden. Künftig sollen demnach auch Stromerzeuger – inklusive Speicher – deutlich stärker mit Netznutzungsentgelten belastet werden. Das klingt auf den ersten Blick nach Entlastung der Haushalte und Betriebe. Auf den zweiten Blick stellt sich jedoch die Frage: Führt diese Umverteilung tatsächlich zu niedrigeren Endkundenpreisen – oder verlagern wir Kosten in die Erzeugung, verteuern Investitionen und importieren am Ende mehr Strom aus dem Ausland? Um diese Fragen auf eine sachliche Grundlage zu stellen, hat Oesterreichs Energie Aurora Energy Research mit einer Analyse beauftragt.
Bereits nach geltendem Recht zahlen Einspeiser mit netzwirksamer Leistung ≥ 5 MW ein Netzverlustentgelt (derzeit 3,04 €/MWh) und ein Systemdienstleistungsentgelt (0,88 €/MWh). Damit ist Österreich im EU-Vergleich bereits jetzt am oberen Ende der Skala: Laut Aurora weist unser Land den zweithöchsten Einspeiseranteil an den Übertragungsnetzentgelten und den dritthöchsten an den Verteilnetzentgelten auf. In vielen Mitgliedstaaten gibt es überhaupt keine einspeisebezogenen Netzentgelte – oder sie machen nur einen geringen Anteil aus.

Ökonomisch relevant ist, wie diese Entgelte in die Kalkulation von Anlagen durchschlagen: Für Betreiber von Wind- und PV-Anlagen belaufen sie sich – gemessen an den Erlösen im EAG-Marktprämiensystem – auf etwa vier bis fünf Prozent. Bei Gas- und Dampfturbinenkraftwerken, die für die Versorgungssicherheit unverzichtbar sind, machen sie etwa fünf Prozent der kurzfristigen Produktionskosten aus. Und Speicher sind sogar doppelt belastet: Netzentgelte für Bezug und Einspeisung zehren bis zu einem Drittel des durchschnittlich realisierbaren Spreads im Day-Ahead-Handel auf – genau jenes Delta, über das sich Investitionen in diesem Bereich wirtschaftlich rechnen müssen.
Österreich ist tief in den europäischen Strombinnenmarkt integriert. 2024 lagen die Exporte bei rund 26 TWh (etwa 31 % der Erzeugung), die Importe bei rund 19 TWh (rund ein Viertel des Bedarfs). In diesem Marktumfeld wirken selbst „kleine“ Entgeltverschiebungen im Cent-Bereich als Wettbewerbsfaktor.
Aurora berechnet, dass die bestehenden Netzentgelte die Produktionskosten eines österreichischen Kraftwerks um rund fünf Prozent gegenüber einem vergleichbaren deutschen Kraftwerk erhöhen. Anschaulich wird es in „Brennstoff-Äquivalenten“: Die Belastung kommt einem Gaspreisaufschlag von ca. 2,3 €/MWh gleich – bzw. einem Wirkungsgradverlust von etwa drei Prozentpunkten. Damit kann ein älteres deutsches Kraftwerk mit 57 % Effizienz gegen ein moderneres österreichisches mit 60 % Effizienz bestehen. Das ist energie- und klimapolitisch kontraproduktiv: Es fördert international eine ineffizientere Kraftwerksflotte, erhöht Systemkosten und Emissionen – bei gleichzeitiger Schwächung unseres Standorts.

Wie sähe die Lage aus, wenn ein Teil der Netzkosten von Verbrauchern zu den Erzeugern verschoben würde? Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig: Eine 25-prozentige Entlastung der Verbraucher*innen würde die Belastung der Einspeiser auf rund 14,6 €/MWh mehr als verdreifachen. Die Folge: Investitionen in und der Einsatz von Kraftwerken würden deutlich an Attraktivität verlieren.
Bereits bei einer Verschiebung von zehn Prozent der Netznutzungskosten verdoppelt sich die relative Entgeltbelastung für Wind-, PV- und Laufwasserkraftwerke. Für Gas- und Dampfturbinenkraftwerken stiege die Netzentgeltquote von rund 5 % auf gut 10,2 % der Produktionskosten. Für Batteriespeicher steigt die bereits derzeit hohe Belastung um den Faktor 1,2 auf über 40% des durchschnittlich realisierbaren Spreads am Großhandelsmarkt. Das ist jenseits dessen, was Investoren als „bankable“ akzeptieren.

Oft wird auf Länder verwiesen, die höhere Einspeiseranteile tragen – etwa Schweden. Doch dieser Vergleich hinkt. Für schwedische Einspeiser stellen die Netzentgelte einen deutlich geringeren Wettbewerbsnachteil dar, denn: In den meisten skandinavischen Nachbarländern werden ebenfalls einspeiseseitige Netzentgelte erhoben – Wettbewerbsnachteile entstehen also erst gar nicht. Durch die geographische Distanz zu Zentraleuropa weist die Erzeugung von erneuerbaren Energien in Schweden außerdem eine geringe Korrelation mit der Erzeugung in den Exportmärkten (z.B. Deutschland) auf. Dadurch konkurriert die schwedische Erzeugung meist nur mit Technologien, deren Produktionskosten höher sind, zum Beispiel mit Gaskraftwerken. Aus diesem Grund können Netzentgelte dort eher aufgeschlagen werden, ohne die Marktstellung zu gefährden. In Österreich sind die Voraussetzungen gänzlich andere.
Das politische Ziel, Verbraucher*innen zu entlasten, ist berechtigt. Doch neue Netzentgelte für Erzeuger sind kein geeignetes Instrument. Sie wirken preistreibend – verteuern Investitionen und begünstigen Energieimporte.
Für ein zukunftsfähiges Stromsystem braucht es Investitionen – in Netze, Erneuerbare, Flexibilität und gesicherte Leistung. Planungssicherheit ist dabei enorm wichtig. Ein Paradigmenwechsel bei den Netzentgelten auf der Einspeiseseite zur „Sanierung“ der Endkundentarife untergräbt genau diese Sicherheit. Er macht Österreich im Binnenmarkt teurer, bremst den Ausbau, belastet Geschäftsmodelle für Speicher und führt zu ineffizienteren, emissionsintensiveren Lösungen.
Die Analyse von Aurora Energy Research zeigt klar, dass zusätzliche Netznutzungsentgelte für Erzeuger mehr Schaden als Nutzen stiften würden. Wer Kundinnen und Kunden dauerhaft entlasten will, stärkt Investitionen in die heimische Produktion, denn von mehr Angebot profitieren letztlich alle Kundinnen und Kunden.
Hinweis: Dieser Kommentar bezieht sich auf die Studie „Analyse von Einspeisenetzentgelten in Österreich vor dem Hintergrund der ElWG-Novelle“ von Aurora Energy Research im Auftrag von Oesterreichs Energie sowie auf die Bestimmungen des zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuellen Begutachtungsentwurfs des ElWG.