Was tun mit nicht vermeidbaren Emissionen? Die EU-Kommission hat ihre Industrial Carbon Management Strategie vorgelegt, die den Grundstein für den Hochlauf von CO2-Wertschöpfungsketten sowie der dazugehörigen Transportinfrastruktur legen soll.

Zusammen mit der Empfehlung des EU-Klimaziels für 2040 wurde von der EU-Kommission die Industrial Carbon Management Strategie präsentiert. Im Jahr 2040 soll der Verbrauch von fossilen Brennstoffen um 80% zurückgegangen sein und auch die Zertifikate im ETS werden mit steigendem Tempo weniger. Für manche Industriezweige (die sogenannte "hard-to-abate"-Industrie) sind jedoch die Reduktionsoptionen begrenzt, weshalb die EU-Kommission sich in ihrer Industrial Carbon Management Strategie dem Thema Carbon Capture und CO2 als Rohstoff widmet. Die Kommission unterscheidet dabei zwischen fossilen, biogenen, atmosphärischen und Prozessemissionen. In diesem Jahrzehnt soll der Fokus auf dem Abscheiden von CO2 aus Prozessemissionen sowie einigen Emissionen mit fossilen und biogenen Ursprungs liegen. Neben natürlichen Senken wird es für die Erreichung der Klimaneutralität 2050 notwendig sein, bereits vor 2040 auch auf technische Senken ("Industrial carbon removals") zu setzen. Die vorgelegte Strategie basiert auf drei Säulen:
Im Net Zero Industry Act, bei dem es gerade eine Einigung zwischen Parlament und Rat gegeben hat, ist bereits ein Speicherziel von 50 Millionen Tonnen für 2030 vorgesehen. Die Modellierungen für das Klimaziel 2040 zeigen einen Bedarf von 280 Mt abgeschiedenem CO2 für 2040 und rund 450 Mt 2050. Bis 2040 sollen bereits fast die Hälfte der jährlich abgeschiedenen Emissionen biogenen Ursprungs sein oder direkt aus der Atmosphäre stammen.
Der Hochlauf von industriellem Carbon Management soll in drei Phasen ablaufen: Wie bereits erwähnt, liegt das Ziel für 2030 bei 50 Millionen Tonnen (Mt) mit entsprechender Transportinfrastruktur via Pipeline, Schiff, Schiene und Straße. Bis 2040 sollen regionale CO2-Wertschöpfungsketten etabliert werden, wodurch CO2 zu einem Rohstoff im Binnenmarkt wird und bis zu einem Drittel des abgeschiedenen CO2 genutzt werden soll. Nach 2040 sollte das industrielle Kohlenstoffmanagement integraler Bestandteil des EU-Wirtschaftssystems sein, wobei biogener oder atmosphärischer Kohlenstoff die Hauptquelle für kohlenstoffbasierte Industrieprozesse oder Verkehrskraftstoffe darstellt.
Jedoch sind die gegenwärtigen Voraussetzungen nicht ausreichend, um diese Ziele zu erreichen. Carbon Capture erfordert zukünftig erhebliche Mengen zusätzlicher Energie für diesen energieintensiven Prozess. Für alle drei Säulen ist zudem der Aufbau einer CO2-Transportinfrastruktur zentral, damit in den kommenden Jahrzehnten ein Binnenmarkt für CO2 in Europa entstehen kann. Die Kommission wird mit vorbereitenden Arbeiten für ein mögliches künftiges CO2-Transport- und Speicherlegislativpaket beginnen, in dem Fragen wie Markt- und Kostenstruktur, Zugang Dritter, CO2-Qualitätsstandards oder Investitionsanreize für neue Infrastrukturen behandelt werden sollen.
Die erforderlichen Mengen an Negativemissionen, welche zum Ausgleich von Restemissionen aus anderen Sektoren benötigt werden, sollen evaluiert werden. Das bedeutet in weiterer Folge auch, dass die Kommission evaluieren wird, wie Carbon Removals im ETS angerechnet werden könnten, was in einem Bericht zum ETS 2026 evaluiert werden soll. Ebenfalls 2026 soll die Frage geklärt werden, ob Müllverbrennungsanlagen in das ETS aufgenommen werden sollen (inkl. Deponien). Dabei soll insbesondere überprüft werden, ob die Einbeziehung dieser Sektoren in das EU-Emissionshandelssystem dazu beitragen könnte, die "nicht-permanentes CCU" als einen Weg zur Verringerung der Abgabeverpflichtungen durch die Bepreisung von Emissionen downstream anzuerkennen.
Die Kommission wird in Erwägung ziehen, die Finanzierung von Forschungs- und Innovationsprojekten im Bereich des industriellen Carbon Managements durch bestehende Instrumente, insbesondere CEF Energie, Horizon Europe und den EU-Innovationsfonds, zu erhöhen.. Die Europäische Kommission schlägt weitere Förderoptionen vor, nämlich mögliche Auktionen im Rahmen des EU-Innovationsfonds (wie es derzeit bei der Wasserstoffproduktion der Fall ist) und die Entwicklung von Projekten von gemeinsamem Interesse (IPCEI) im Bereich des industriellen Kohlenstoffmanagements. In enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten soll außerdem die Öffentlichkeit sensibilisiert werden.
In Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten wird die Kommission außerdem ein Instrument zur Zusammenführung von CO2-Anbietern mit Transport- und Speicherbetreibern sowie CO2-Abnehmern entwickeln. Die Kommission will einen klaren Rahmen für die Kohlenstoffbilanzierung bei der Nutzung von abgeschiedenem CO2 als Ressource (CCU) schaffen, der die Klimavorteile der Nutzung von CO2 als Ressource in industriellen Prozessen widerspiegelt.
Da die besten Anwendungen auf nationaler und nicht europäischer Ebene festgelegt werden sollen, werden keine spezifischen Sektoren für CCU oder CCS genannt. Nach den vorgelegten NEKP-Entwürfen haben die Mitgliedstaaten bisher als Hauptanwendungsbereiche für die CO2-Abscheidung industrielle Prozesse einschließlich der Zement-, Stahl- und Erdgasverarbeitungssektoren, aber auch Stromerzeugung (insbesondere aus Biomasse) und kohlenstoffarmem Wasserstoff, Raffinerieprozesse, und Abfallverbrennung genannt.
Diese Strategie stellt keinen Gesetzesvorschlag dar. Erwähnte Gesetzesvorschläge wie das CO2-Infrastruktur-Paket müsste dann nach den Wahlen zum Europäischen Parlament von der nächsten Kommission folgen. Es ist jedoch zu erwarten, dass das Thema weiterhin oben auf der Agenda bleiben wird. Auch in Österreich wird an einer Carbon Management Strategie gearbeitet, diese soll bis Juni 2024 fertig werden, um dann auch in das Update des NEKP einzufließen.
