Das erwartet uns 2026 in der EU Energie- und Klimapolitik

Johannes Imminger und Ines Koubek
15.01.2026

Auch 2026 verspricht die Energie- und Klimapolitik im Zentrum der politischen Debatten auf EU-Ebene zu stehen. Zwar bestätigt sich der politische Trend weiter, dass die unter dem Green Deal verabschiedeten Dekarbonisierungsziele in den Hintergrund treten, aber auch im Zuge der Neuausrichtung der EU auf die Ziele Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz dürfte die Energie- und Klimapolitik weiterhin eines der wichtigsten Politikfelder bleiben. Was erwartet uns?

Drei Windräder im Nebel. Im Hintergrund Wald und Wolken.© Sibylle Maus

Zwischen Dekarbonisierung und Wettbewerbsfähigkeit

Zahlreiche Review-Klauseln aus dem Fit-for-55-Paket werden 2026 wirksam. Gleichzeitig sind neue Initiativen zu erwarten bzw. wurden von der Kommission bereits 2025 vorgelegt, die im Laufe dieses Jahres verhandelt werden. Zu erwarten ist, dass die Themen Bezahlbarkeit der Energieversorgung und globale Wettbewerbsfähigkeit - vor allem der energieintensiven Industrien - dominieren werden. Auch die Stärkung der Energiesicherheit in all ihren Facetten – von Versorgungssicherheit bis hin zu physischer und Cybersicherheit – dürfte eine zentrale Rolle spielen.

Neuausrichtung bestehender Gesetzgebung

Die Kommission möchte im dritten Quartal Legislativvorschläge für die Überarbeitungen der Erneuerbaren- sowie der Energieeffizienz-Richtlinie vorlegen. Beide Gesetzestexte sollen gemäß des nun festgelegten CO2-Reduktionsziels von 90% für 2040 für den Zeitraum nach 2030 angepasst werden. Die konkreten politischen Ableitungen für die nachgelagerten Ziele - etwa die Erneuerbaren-Vorgaben in den einzelnen Sektoren - sind bislang offen. Anstatt eines daraus resultierenden höheren Ambitionsniveaus beim Ausbau erneuerbarer Energien und der Stärkung der Energieeffizienz plädieren einige Mitgliedstaaten und Teile des Europäischen Parlaments für eine Abschwächung.

Im Zuge der Neuausrichtung der politischen Ziele wird auch die Zukunft des Europäischen Emissionshandelssystems (ETS) neu verhandelt. Die Einführung des neuen ETS 2 für Gebäude und Straßenverkehr wurde bereits um ein Jahr auf 2028 verschoben. Nun richtet sich der Fokus auf das bestehende ETS 1: Ursprünglich plante die Kommission, noch in diesem Jahr Anpassungen an der zugrunde liegenden Richtlinie vorzuschlagen – einschließlich einer Überarbeitung der Marktstabilitätsreserve sowie der Klärung von Themen wie der Aufnahme von Negativemissionen und der Rolle von permanentem Carbon Capture and Utilization (CCU). Dieser Zeitplan könnte sich jedoch deutlich verzögern.

Unklar bleibt auch, ob die Kommission einen Vorschlag zur Integration von Müllverbrennungsanlagen in das ETS-System vorlegen wird – eine Maßnahme, die in einigen Mitgliedstaaten wegen befürchteter Ausweichbewegungen hin zu Mülldeponien bereits kritisiert wird. Nach aktueller ETS-Richtlinie ist die Kommission lediglich verpflichtet, bis Juli 2026 einen Bericht vorzulegen, nicht jedoch einen Gesetzgebungsvorschlag.

Darüber hinaus ist für das vierte Quartal eine Anpassung der Governance-Verordnung angekündigt, die die Grundlage für die Nationalen Energie- und Klimapläne (NEKPs) bildet. Ziel ist es, die NEKPs zu Investitionsplänen weiterzuentwickeln, um öffentliche und private Mittel gezielt dorthin zu lenken, wo sie im Einklang mit den politischen Zielen am dringendsten benötigt werden.

Optimierung der Energiesystemintegration

Im Dezember hat die Kommission ihr European Grids Package vorgelegt. Ziel ist es, bestehende Engpässe zu beheben, die Integration erneuerbarer Energie zu verbessern, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und die gemeinsame Netzplanung in Europa zu stärken. Konkret sollen dafür mehrere bestehende Richtlinien überarbeitet werden.  Im Laufe des Jahres werden das Europäische Parlament und der Rat die legislativen Vorschlägen prüfen und ihre Positionen festlegen, bevor die Trilogverhandlungen beginnen. Aus heutiger Sicht dürfte einer der umstrittensten Punkte die von der Kommission angestrebte Verlagerung nationaler Zuständigkeiten auf die europäische Ebene im Bereich der Netzplanung sein.

Im ersten Quartal 2026 plant die Europäische Kommission die Vorlage von zwei zentralen Strategien für die Energie- und Klimapolitik: einen EU Electrification Action Plan und eine aktualisierte EU Heating and Cooling Strategy. Beide Vorhaben sollen die Dekarbonisierung des europäischen Energiesystems erheblich beschleunigen und zugleich die Bezahlbarkeit sowie die Resilienz für Verbraucher*innen und Unternehmen sichern.

Der Elektrifizierungsplan soll konkrete politische Maßnahmen enthalten, um den Einsatz von Strom in Industrie, Gebäuden und Mobilität wesentlich auszuweiten. Die überarbeitete Wärme- und Kältestrategie richtet den Fokus auf einen Sektor, der noch immer zu 70 % von fossilen Energieträgern abhängt. Vorgesehen ist ein umfassendes Maßnahmenpaket für mehr erneuerbare Wärme, die verstärkte Nutzung von Abwärme sowie eine systemintegrierte Infrastrukturplanung. Ziel ist es, Investitionen gezielt in klimafitte Lösungen zu lenken und bereits bestehende Rechtsakte wirksam umzusetzen.

Mit Blick auf eine effizientere Integration des Energiesystems bleibt die zukünftige Rolle von Wasserstoff weiterhin unklar. Obwohl Mitgliedstaaten, Abgeordnete und Unternehmensvertreter*innen wiederholt eine Überarbeitung der als zu komplex und hemmend kritisierten Regeln für die Produktion von grünem Wasserstoff (sogenannte "erneuerbare flüssige und gasförmige Kraftstoffe nicht biogenen Ursprungs" (RFNBOs)) fordern, hat die Kommission bislang keine entsprechende Initiative angekündigt. Möglich wäre eine solche Ankündigung allerdings nach Abschluss einer derzeit laufenden Studie zur Untersuchung der Auswirkungen der bestehenden Produktionsregeln für erneuerbaren Wasserstoff, die von der Kommission in Auftrag gegeben wurde.

Neue Prioritäten, neue Vorschläge

Auch im Jahr 2026 sind weitere wichtige Impulse von Seiten der Kommission zu erwarten. Bereits im ersten Quartal möchte sie eine neue EU-Energiesicherheits-Architektur vorlegen. Basierend auf den Erfahrungen vergangener Krisen und mit Blick auf zukünftige Herausforderungen sollen neue Maßnahmen die Versorgungssicherheit der EU stärken - insbesondere in Anbetracht von Risiken wie Cyberangriffen, den Folgen des Klimawandels und einer veränderten geopolitischen Lage.

Zudem plant die Kommission im dritten Quartal 2026, das Klimaziel für 2040 durch eine neue Initiative zu Carbon Capture, Utilization and Storage (CCUS) zu konkretisieren. So soll die Entwicklung wettbewerbsfähiger Märkte und einer entsprechenden Transportinfrastruktur für CO2 vorangetrieben werden.

Voraussichtlich schon am 29. Jänner möchte die Kommission ihren Vorschlag für einen „Industrial Accelerator Act“ präsentieren. Sollte ursprünglich der Fokus auf die beschleunigte Dekarbonisierung der Industrie gelegt werden, soll die Initiative nun auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und der Resilienz der europäischen Industrie abzielen. Im Mittelpunkt sollen dabei unter anderem die Entwicklung europäischer Leitmärkte - etwa in den Sektoren Stahl und Zement - sowie die Beschleunigung der Modernisierung energieintensiver Industrie stehen. Auch Fragen zur Kennzeichnung von „low-carbon“-Produkten und zur Stärkung europäischer Lieferketten sollen  adressiert werden. Ziel ist es, die Nachfrage nach in Europa erzeugten Produkten zu erhöhen, insbesondere auch nach solchen, die in der Energiebranche eingesetzt werden.

Wie bei vielen anderen Vorhaben bleibt jedoch noch offen, wie die Balance zwischen niedrigeren Preisen, europäischer Unabhängigkeit und den Zielen der Energiewende bestmöglich gelingen kann.

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Johannes Imminger

Leitung Büro Brüssel der Wiener Stadtwerke

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Ines Koubek

Stv. Leitung Public Affairs