Die Erwartungen an eine zukünftige Wasserstoffwirtschaft sind hoch, denn sie soll in vielen Bereichen der Energiewende eine Schlüsselrolle spielen. Allerdings sind die Fortschritte beim Aufbau bisher bescheiden – könnte der sogenannte weiße Wasserstoff entscheidende Impulse liefern?

Wasserstoff soll eine bedeutende Rolle in einer klimafreundlichen Energiezukunft spielen, da er in in vielen Bereichen, wie industriellen Hochtemperaturprozessen, thermischen Kraftwerken, schweren Maschinen oder der Schifffahrt eine nachhaltige Alternative zu fossilen Energieträgern darstellen kann – sofern er klimaneutral erzeugt wurde. Doch leider gestaltet sich der seit Jahren mit ambitionierten Zielen anvisierte und mit erheblichen Mitteln geförderte Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Europa wesentlich herausfordernder als erhofft. Mangelnde Nachfrage, fehlende Infrastruktur und zögerlich entstehende Erzeugung befinden sich in einem strukturellen Henne-Ei-Problem, aus dem sich die E-Wirtschaft und Politik derzeit durch einen Mix an Fördermitteln, politischen Maßnahmen und privaten Initiativen langsam versucht herauszuarbeiten.
Abseits von dieser schwierigen Situation scheint sich aber ein angebotsseitiger Hoffnungsschimmer zu entwickeln. Diesen hatten nicht einmal Brancheninsider bisher wirklich am Radar, aber er könnte nun entscheidende Impulse setzen. Während die Konzepte des grünen, grauen oder blauen Wasserstoffs mittlerweile weithin bekannt sind, wurde der weiße Wasserstoff noch kaum beachtet. Hier handelt es sich um natürliche unterirdische Vorkommen, welche durch geochemische oder radiochemische Prozesse entstehen (etwa durch die sogenannte Serpentinisierung). Die Existenz derartiger natürlicher unterirdischer Wasserstoffansammlungen sind in der Geologie lange bekannt, riefen aber bisher abseits eines Fachpublikums begrenztes öffentliches Interesse hervor. Dies lag einerseits daran, dass Wasserstoff in den letzten Jahrzehnten nur eine bescheidene Rolle in unserem Wirtschaftssystem einnahm, andererseits an der eher überschaubaren Größe derartiger Funde.
In den letzten Jahren haben allerdings zwei neu entdeckte Funde erhebliches Interesse erweckt. 2024 wurde in Albanien, nördlich von Tirana ein Vorkommen entdeckt, welches insgesamt mehrere zehntausend Tonnen Wasserstoff beinhalten könnte. Dieses könnte, aufgrund günstiger geologischer Vorrausetzungen und geringerer Exploration im Westbalkan, eines von vielen sein. Im Jahr davor wurde in Frankreich die Entdeckung eines erheblichen Vorkommens bekanntgegeben. Für Aufsehen sorgte allerdings die vor wenigen Wochen verkündeten neueren Untersuchungsergebnisse, welche bis zu 46 Millionen Tonnen Wasserstoff attestieren. Zur Einordnung: Das entspricht mehr als einem halben Jahrzehnt der derzeitigen europäischen Wasserstoffproduktion (wovon nur ein winziger Bruchteil grüner Wasserstoff ist). Selbst die äußerst ambitionierten EU-Ziele sehen bis 2030 eine europäische Elektrolysekapazität von etwa 10 Millionen Tonnen vor – also nicht einmal einem Viertel davon.
Nicht nur die Forscherteams hinter diesen Funden mahnen zur Vorsicht. Theoretische Vorkommen klingen verlockend, doch müssen diese bestätigt und in weiterer Folge auch wirtschaftlich sinnvoll extrahiert werden, was viele Jahre dauern wird. Gleichzeitig muss selbst der riesige Fund in Frankreich in Relation zum immensen langfristigen Bedarf an klimaschonendem Wasserstoff in Europa gesetzt werden, für den er selbst im Idealfall wohl nur wenige Jahre reichen würde. Deshalb muss betont werden, dass er keinen Ersatz für klimaschonende Erzeugung - etwa durch Elektrolyse mit erneuerbarem Strom - darstellen kann. Doch beide Funde zeigen, dass weißer Wasserstoff in Europa möglicherweise häufiger ist als bisher angenommen und verbessern – zusammen mit anderen derartigen Entdeckungen weltweit – unser Verständnis davon in welchen geologischen Regionen weitere Exploration zu ähnlichen Funden führen könnten. Die Auswirkungen derartiger Vorkommen auf den Aufbau der europäischen Wasserstoffwirtschaft könnten äußerst positiv sein, da ein plötzlich üppig vorhandenes, günstiges Angebot die Nachfrage und den Infrastrukturausbau stimulieren würde, während die Elektrolysekapazitäten nachziehen könnten. So könnte der weiße Wasserstoff das derzeitige Henne-Ei Problem beim Markthochlauf aufbrechen, die Abhängigkeit von Fördermitteln reduzieren und so zur Geburtshilfe für die europäische Wasserstoffwirtschaft werden. Ob und zu welchem Ausmaß derartige Hoffnungen berechtigt sind, wird davon abhängen, wie schnell in Frankreich oder Albanien mit der kommerziellen Gewinnung begonnen werden kann, was hier die tatsächlichen praktischen Herausforderungen und Kosten sind, und wie viele ähnliche Vorkommen in den nächsten Jahren in Europa entdeckt werden.
Während man auch hierzulande von positiven Impulsen für die europäische Wasserstoffwirtschaft profitieren würde, sind große Vorkommen von weißem Wasserstoff eher unwahrscheinlich, wenn auch nicht ganz ausgeschlossen. Dies hat zwei Gründe: Erstens sind Gebiete, wo Gesteinsvorkommen derartige geochemische Prozesse ermöglichen, regional begrenzt. Zweitens ist Österreich geologisch vergleichsweise gut exploriert, was die Wahrscheinlichkeit für Überraschungsfunde in diesem Maßstab reduziert. Auf alle Fälle scheint gesichert, dass in der bunt geführten europäischen Diskussion über Wasserstoff neben grün, blau, pink oder grau in Zukunft auch auf ein wenig weiß stoßen wird. Wie viel, bleibt abzuwarten.