Wasserstoff soll als Energieträger eine Schlüsselrolle im klimaneutralen Energiesystem der Zukunft einnehmen, dementsprechend groß sind die europäischen Ambitionen. Doch nach Jahren schleppender Fortschritte und einer großen Lücke zwischen politischer Rhetorik und tatsächlichem Umsetzungswillen, macht sich auch Ernüchterung breit.

Wasserstoff wird eine wichtige Rolle in einer klimaneutralen Zukunft spielen, da er für klimaneutrale Hochtemperaturprozesse, in ausgewählten Mobilitätsanwendungen oder kurz- und langfristigen Speicherprozessen eine gute Alternative zu fossilen Energieträgern darstellt. Aber auch die Anwendung in thermischen Kraftwerken ist für die zukünftige Stabilität und Flexibilität des Energiesystems von herausragender Bedeutung. Aufgrund dieser Potentiale hat sich die EU im Rahmen ihrer Klimastrategie ambitionierte Ziele für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft gesetzt: Die EU-Wasserstoffstrategie sieht vor, bis 2024 eine Produktionskapazität von einer Million Tonnen erneuerbarem Wasserstoff mit einer Elektrolyseleistung von sechs Gigawatt (GW) zu erreichen. Bis 2030 soll erneuerbarer Wasserstoff ein integraler Bestandteil des europäischen Energiesystems werden. Geplant ist die Produktion von zehn Millionen Tonnen erneuerbarem Wasserstoff mit mindestens 40 GW installierter Elektrolyseleistung. Ab diesem Zeitpunkt sollen Technologien auf Basis von „sauberem“ Wasserstoff marktreif sein und großflächig eingesetzt werden, um besonders schwer zu dekarbonisierende Sektoren zu transformieren. Dafür muss die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien erheblich ausgebaut werden, sodass bis 2050 etwa ein Viertel der erneuerbaren Stromkapazitäten für die Wasserstoffproduktion verwendet wird.
Die ambitionierten Ziele wurden aufgrund der Energiekrise 2022-2023 im Rahmen des RePowerEU-Projekts noch einmal verschärft: Bis 2030 sollen EU-weit mindestens jeweils 10 Millionen Tonnen klimaneutraler Wasserstoff produziert und importiert werden. Dieser soll bis dahin mindestens 42 % des in der Industrie genutzten Wasserstoffs ausmachen. Als Starthilfe für diese Wasserstoffwirtschaft wurde auf europäischer Ebene mit der EU Hydrogen Bank ein Instrument geschaffen, um die Finanzierung von erneuerbaren Wasserstoffprojekten zu erleichtern, Nachfrage zu schaffen und die Grundlage für die Skalierung der EU-Wasserstoffwirtschaft zu legen. Hier besteht die Möglichkeit der Nationalstaaten, die europäischen Auktionen mit zusätzlichen Mitteln zu unterstützen.
Allerdings decken sich die europäischen Ambitionen bisher keineswegs mit der tatsächlichen Umsetzung in den Mitgliedsländern. So kommt ein Bericht des EU Rechnungshof zu dem Schluss, dass die EU zwar bedeutende Fortschritte beim Aufbau eines rechtlichen Rahmens für erneuerbaren Wasserstoff gemacht hat, jedoch erhebliche Herausforderungen für die Umsetzung der ehrgeizigen Ziele bestehen. Der Bericht hebt hervor, dass trotz politischer Unterstützung und klarer Strategien die Produktion und Nutzung von erneuerbarem Wasserstoff noch in einem frühen Stadium ist und oft nicht mit der Realität übereinstimmt. Es bestehen Lücken bei Infrastruktur, Marktbedingungen und der Finanzierung von Projekten. Der Rechnungshof fordert daher einen „Realitätscheck“ und betont, dass die EU ihre Pläne an die praktischen Herausforderungen anpassen muss, um ihre Ziele für 2030 und darüber hinaus zu erreichen.
Bei vielen Projekten, die bis 2030 in Europa Grünen Wasserstoff produzieren sollen, ist der Weg zur Umsetzung noch sehr weit. Eine Studie im Journal of Renewable and Sustainable Energie Reviews kam zum Schluss, dass von den 46 in der EU identifizierten Hydrogen Valleys nur drei bereits in Betrieb sind, während fünf weitere sich zumindest bereits in Umsetzung befinden. Die restlichen 38 sind entweder erst in Planung oder in einer unsicheren Finanzierungssituation. Eine Studie der Boston Consulting Group vom Herbst 2024 zeichnet ein noch drastischeres Bild: Nur 2% der für 2030 angekündigten Produktionskapazitäten für grünen Wasserstoff innerhalb der EU haben überhaupt die Planungsphase überschritten. Die Autoren warnen, dass mittelfristig die Ausbootung durch China, USA und andere Player droht, welche bereits aggressiv in den Markt drängen, Innovationen vorantreiben und gegenüber Europa aufholen. Der Northwest Europe Hydrogen Monitor der Internationalen Energie Agentur (IEA), welcher Projekte in Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Schweiz und dem Vereinigte Königreich untersuchte, kam zum Schluss dass weniger als 4% der für 2030 geplanten Elektrolysekapazitäten bereits eine geklärte Finanzierungssituation haben oder sich in Bau befinden.
Es bestehen zudem erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedsländern, sowohl bei den Ambitionen als auch bei der Umsetzung. Laut Bericht des EU Rechnungshof befinden sich 97% der geplanten installierten Kapazitäten in nur elf Mitgliedsstaaten und nur ein Bruchteil der Mitgliedsstaaten hat bereits einen strategischen oder ausreichenden regulativen Rahmen aufgebaut. Bei der bereits installierten Kapazität oder den in Bau befindlichen Projekten gibt es ebenfalls erhebliche Unterschiede, hier sind Deutschland, Frankreich und Spanien Vorreiter - allerdings ist auch in diesen Staaten der Zuwachs viel zu langsam um die nationalen und europäischen Ziele für 2030 zu erreichen.
Hinsichtlich der sich immer stärker äußernden Diskrepanz zwischen ambitionierten Zielsetzungen und bescheidener Umsetzung, steht die neue EU Kommission welche ab nächstem Jahr das Ruder übernehmen wird vor einer Weichenstellung: Sie kann die Ambitionen herunter schrauben und somit möglicherweise den gesamten Green Deal gefährden - oder den Druck auf die Mitgliedstaaten massiv erhöhen um den bestehenden europäischen Rechtsrahmen rasch umzusetzen und beim Aufbau der nationalen Wasserstoffwirtschaften in die Gänge zu kommen. Denn ohne einen solchen Schub ist die Erreichung der ambitionierten Ziele bis 2030 mittlerweile fast ausgeschlossen.
Strategische Schwerpunkte der neuen Kommission werden sich allerdings wohl erst im ersten Quartal 2025 herauskristallisieren. Klar ist einerseits, dass sowohl die EU als auch nationale Regierungen einen schwierigen Spagat zwischen Versorgungssicherheit, internationaler Kompetitivität, Sparzwängen und klimapolitischen Ambitionen meistern wird müssen. Hier droht für Europas Wasserstoffwirtschaft, welche noch jahrelang von Förderungen und politischer Initiative abhängig bleiben wird, ein unsicheres Umfeld und politisches Zögern. Andererseits drängt die Zeit massiv: Die internationale Konkurrenz schläft nicht und droht Europa einzuholen, die bedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels werde immer deutlicher, während sich die Abhängigkeit von Energieimporten nicht nur als ein massives volkswirtschaftliches, sondern auch sicherheitspolitisches Problem entpuppt. Welcher Weg letztendlich eingeschlagen wird bleibt offen, es werden allerdings für die Zukunft der europäischen Wasserstoffwirtschaft definitiv entscheidende Monate.