Elena Gehmayr

Österreich besonders stark vom Klimawandel betroffen

Im Juni hat das Climate Change Centre Austria eine umfassende wissenschaftliche Analyse zu den Folgen des Klimawandels in Österreich veröffentlicht. Kernaussage dabei: Der Klimawandel trifft Österreich besonders hart, weshalb zielstrebiges Handeln zur Bekämpfung dessen unbedingt notwendig ist.

Bergige Waldlandschaft mit Industrieerzeugnis-Wolken
Carbon_Capture_AdobeStock_Jon Anders Wiken
Open

Der zweite österreichische Sachstandsbericht Klimawandel

Mehr als 200 Wissenschaftler*innen aus über 50 Institutionen in ganz Österreich haben 3 Jahre lang an dem Bericht gearbeitet. Nun ist er öffentlich: Der zweite österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel (AAR2). Dieser stellt eine interdisziplinäre Analyse zu den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Klimawandel sowie den damit einhergehenden Risiken für Österreich dar. So wird zum einen der Status Quo in Österreich erhoben und zum andere werden anhand von unterschiedlichen Erderwärmungsgraden mögliche Strategien zur Anpassung, Emissionsreduktion und Transformation angeführt. Dabei folgt der Bericht der Struktur und den Methoden des Weltklimarats (IPCC).

Das Ziel ist es, mit diesem Bericht einen relevanten Beitrag zur Diskussion rund um den Klimawandel zu leisten und die Basis für eine auf Fakten basierte Entscheidungsfindung zu liefern.

Der Klimawandel ist nicht mehr zu leugnen

Dass der Klimawandel und die steigenden Temperaturen für immer mehr Personen im Land aktiv spürbar werden, ist an den heißen Juni-Tagen der letzten Wochen klar erkennbar. Der Klimawandel klopft nicht mehr nur an unsere Haustüre, nein, er ist bereits da und zeigt das auch. Seit 1900 hat sich Österreich erwärmt, und zwar um ganze 3,1 Grad Celsius. Das ist mehr als doppelt so stark wie der globale Durchschnitt. Das Land wird immer häufiger von Hitzewellen, Extremwetterereignissen, Hochwasser oder Dürre erschüttert, was dazu führt, dass immer mehr Menschen direkt unter den Folgen des Klimawandels leiden.

Es ist also definitiv Zeit zu handeln und dies konsequent durchzuführen, um damit negative Auswirkungen auf die in Österreich lebenden Personen zu reduzieren. Um eine wissenschaftliche Basis für zielgeleitetes Handeln zu bieten, beantwortet der Sachstandsbericht Klimawandel 5 zentrale Fragen:

  • Ist Österreich auf Kurs zur Klimaneutralität?
  • Wie wirkt sich die Erderhitzung in Österreich aus?
  • Welche Optionen stehen zur Vermeidung von Emissionen zur Verfügung?
  • Wie kann Österreich die Emissionsreduktionsziele erreichen?
  • Welche Politikmaßnahmen können effektive und gerechte sozial ausgewogene Klima-Governance unterstützen?

On track - Ist Österreich auf Kurs zur Klimaneutralität 2040?

In diesem Abschnitt des Berichts geht es primär um die Entwicklung der sektoralen Treibhausgasemissionen und inwiefern hier in den letzten Jahren Reduktionen erzielt werden konnten. Große Hebel dafür sind insbesondere der Ausbau von erneuerbaren Energien, die vermehrte Nutzung öffentlicher Verkehrsdienste und die Einführung der CO2-Bepreisung. Auch wenn hier in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht werden konnten, wird dennoch das Fazit gezogen, dass die Maßnahmen unzureichend sind und das Land damit nicht die EU-Ziele erfüllen wird. Dabei wird auch Bezug auf den Nationalen Energie- und Klimaplan (NEKP) genommen, der ebenso zeigt, dass Zielvorgaben nur im sogenannten WAM-Szenario, also mit zusätzlichen Maßnahmen, erreicht werden können.

Österreich hat eine gut ausgeprägte Klima-Governance mit vielen verschiedenen Instrumenten für eine Senkung der Treibhausgasemissionen. Diese Instrumente werden in ihrer Wirksamkeit jedoch durch unterschiedliche politische und sozioökonomische Interessen begrenzt. Es werden durch diese weder bestehende Strukturen aufgebrochen noch die Logiken des hohen Ressourcenverbrauchs in Frage gestellt. Kritisch gesehen wird vor allem auch das 2020 ausgelaufene nationale Klimaschutzgesetz (KSG). Auch wenn in Sachen Klimaschutz das verbindliche EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 besteht, so braucht es eine Novellierung des KSG. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist das verbleibende CO2-Budget, welches beinahe ausgeschöpft ist.

Hinsichtlich der sektoralen Emissionen wird vor allem der Sektor Industrie und produzierendes Gewerbe als besonders emissionsintensiv beurteilt, der Anteil an Treibhausgasemissionen dieses Sektors liegt bei 39% (25 Mio. t CO2e). Auch der Verkehr spielt hier eine entscheidende Rolle, der für 29% aller Emissionen verantwortlich ist. Darauf folgt mit 36% die direkte Energienutzung in Gebäuden. Was hier jedoch anzumerken ist: Österreichs „konsumbasierte Emissionen“, also jene Emissionen, die durch heimische Endnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette verursacht werden, sind ca. um 40% höher als jene in Österreich entstehenden Emissionen.

Als wesentliche Hürden für eine wirksame Klimaschutzpolitik werden erstens bestehende Rahmenbedingungen gesehen. So führen beispielsweise eine hohe Bodenversiegelung und Zersiedelung zu einer Abhängigkeit von Autos, die im Steuersystem durch klimaschädliche Förderungen subventioniert werden. Zweitens werden die Aufteilung der Kompetenzen und die Notwendigkeit einer Zweidrittelmehrheit im Nationalrat bei der Klimaschutzgesetzgebung als wesentliche Hindernisse gesehen. Im Sachstandsbericht wird festgehalten, dass die „Anpassungsbemühungen in Österreich in Umfang, Ausrichtung und Tempo unzureichend sind, um den zunehmenden Klimarisiken zu begegnen“.

It's getting hot - Österreich wird zunehmend heißer

Österreich ist von einer zunehmenden Erwärmung betroffen, die durchschnittliche Lufttemperatur lag 2024 um 3,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Vorhersagen zeigen eine Zunahme von Dürren, Überschwemmungen sowie einen Verlust der Biodiversität, was für Infrastruktur, Industrie, Energiesysteme, Land- und Forstwirtschaft sowie für den Tourismus erhebliche Auswirkungen mit sich bringt.

null
entwicklung-lufttemperatur-österreich
Open

So nehmen neben diesem Anstieg an Temperaturen auch Temperaturextreme wie Hitzetage oder Tropennächte und der damit empfundene Hitzestress stetig zu. Projektionen zeigen, dass mindestens bis Mitte des 21. Jahrhunderts die Durchschnittstemperaturen weiter ansteigen. Das bringt Auswirkungen auf Gletscher, Niederschlag und damit Hochwasserereignissen. Monetär ausgedrückt belaufen sich Schäden aufgrund des Klimawandels in Österreich durchschnittlich auf 2 Milliarden Euro pro Jahr und werden bis 2030 auf 2,5-5,2 Milliarden Euro sowie 2050 auf 4,3-10,8 Milliarden Euro jährlich ansteigen. So heißt es im Bericht, dass die steigenden Kosten des Nicht-Handelns in Bezug auf den Klimawandel bei Weitem die zur wirksamen Anpassung und Emissionsreduktion erforderlichen Investitionen übertreffen.

Wege zur Vermeidung von Emissionen

Was aber auch klar hervorgeht: Es gibt zahlreiche Wege mit diesen Risiken umzugehen und Möglichkeiten für die Emissionsreduktion über diverse Sektoren hinweg. Das höchste Potenzial hat dabei die Elektrifizierung, da durch sie der Ausstieg aus fossilen Energieträgern im Wärme- und Verkehrssektor ermöglicht wird. Das Potenzial an Einsparungen im Gebäudesektor wird zwischen 3,7 und 10,2 Mio. t CO2e pro Jahr geschätzt, jenes im Verkehrssektor auf 0,8 bis 8,5 Mio. t CO2e pro Jahr. Was außerdem klar wird ist, dass Klimaschutzmaßnahmen und Maßnahmen zur Reduktion des Energiebedarfs zu diversen SDGs, wie beispielsweise SDG 12 (Nachhaltiger Konsum und Produktion), SDG 9 (Industrie, Innovation und Infrastruktur) und SDG 7 (Bezahlbare und saubere Energie) beitragen.

Um die Emissionsreduktionsziele zu erreichen, werden quantitative Szenarien aufgestellt. Dabei kommt der Sachstandsbericht zu dem Ergebnis, dass Klimaneutralität bis 2040 machbar ist, wenn der Ausbau der Erneuerbaren mit einem hohen Tempo vorangetrieben wird und gleichzeitig eine erhebliche Transformation der institutionellen, regulatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen erfolgt. Es braucht dafür dringend sofortige Maßnahmen, die über die derzeitigen politischen Maßnahmen hinausgehen. Es muss also das schon angesprochene WAM-Szenario (with additional measures) umgesetzt werden. Und dass die notwendigen Entscheidungen bald getroffen werden müssen, ist mit erheblichen Vorlaufzeiten und Pfadabhängigkeiten zu argumentieren.

Eine sozial gerechte Klima-Governance

Damit eine sozial-gerechte Transformation erreicht werden kann, ist der Abbau struktureller Hürden entscheidend. Es gilt, neue Produktions- und Bereitstellungssysteme sowie nachhaltige Infrastrukturen und ein CO2-neutrales Energiesystem zu liefern. Wie wirksam Maßnahmen dazu sind, ist jedoch stark abhängig von der gesellschaftlichen Akzeptanz dieser. Damit gesetzte Ziele erreicht werden können, braucht es eine klare Prioritätensetzung und klare Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern, um eine effiziente Umsetzung zu gewährleisten. Im Bericht wird ein Weggehen von reinen Subventionen, hin zu einem Strukturwandel zu klimafreundlichen Lebensstilen und Versorgungssystemen sowie einer gestärkten Resilienz gegenüber unvermeidbarer Klimafolgen empfohlen. Der entscheidendste Hebel dabei: Die Fiskalpolitik und der öffentliche Haushalt.

Diese Transformation gilt es für alle Österreicher*innen zu ermöglichen, denn Treibhausgasemissionen sind über die Haushaltseinkommen sehr ungleichmäßig verteilt und einkommensschwache Haushalte sind unverhältnismäßig stark von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Zu einer höheren Verteilungsgerechtigkeit können unter anderem Instrumente der Umverteilungspolitik, Standards und Verbote für besonders umweltschädliche Aktivitäten sowie emissionsintensive Technologien beitragen.

Zentrale Botschaft ist: Die Transformation hin zur Klimaneutralität ist realisierbar und vorteilhaft, es braucht jedoch einen klar aufgestellten und langfristigen Dekarbonisierungspfad mit Maßnahmen über alle Sektoren hinweg. Damit kann breite gesellschaftliche Akzeptanz und ein gerechter und ausgewogener Übergang ermöglicht werden.