Nachhaltigkeit ist in vielen Unternehmen längst angekommen – doch wie lässt sich ihr tatsächliches Potenzial messbar machen? Ein neues White Paper des Climate Labs in Kooperation mit Wien Energie zeigt, wie sich Nachhaltigkeit quantifizieren lässt und welche Chancen sich daraus eröffnen.
© Christian LendlAktuell erleben wir im Nachhaltigkeitsbereich ein Paradoxon: Einerseits bestätigen Studien die finanziellen Vorteile einer Ausrichtung von Unternehmen in Richtung Nachhaltigkeit. Folglich verschieben Investoren und Banken ihre Kapitalströme zunehmend hin zu nachhaltigen Geschäftsmodellen, und Unternehmen mit klarer Nachhaltigkeitsausrichtung sind jetzt in der Lage sich Wettbewerbsvorteile zu sichern. Andererseits hat in den letzten Jahren die Bedeutung von Nachhaltigkeit für Politik und Unternehmen wieder abgenommen. In vielen Unternehmen fehlt für ESG-Initiativen (ESG = Environment, Social, Governance; damit ist umfassende Nachhaltigkeit gemeint) daher die notwendige interne Unterstützung, und Transformationsprojekte verlaufen langsamer als möglich. Wie kann das sein?
Die Gründe liegen zum Teil in der Art der Diskussionsführung: Es dominieren moralische und qualitative Argumente, während ökonomische Fakten selten und nachrangig genannt werden. Ohne nachvollziehbare Quantifizierung fällt es jedoch schwer, Nachhaltigkeit als Managementpriorität zu verankern. Es braucht eine simple, präzise, quantifizierbare und wissenschaftlich fundierte Darstellung, warum Nachhaltigkeit ein Business Case ist. Ein WhitePaper des Climate Labs in Kooperation mit Wien Energie zeigt, wie Unternehmen dieses Paradoxon durch die Berechnung der ökonomischen Potenziale der Nachhaltigkeit überwinden können.
Um Nachhaltigkeitspotenziale zu quantifizieren, können Unternehmen verschiedene Szenarien bilden (ESG-Transitionsszenario vs. Business-as-Usual Szenario) und berechnen, welche Auswirkungen diese auf das Betriebsergebnis (EBIT) haben. Der EBIT-Unterschied zwischen den Szenarien kann dann (vereinfacht) als Potenzial des ESG-Transformationsszenarios verstanden werden.
Einige Beispiele, wie sich eine klare Positionierung von Unternehmen zum ESG-Transitionsszenario positiv auf den EBIT auswirken kann, finden sich im Folgenden:
Je nach Branche, Finanzierungsart und Kapitalstruktur können nachhaltig positionierte Unternehmen gegenüber nicht nachhaltig positionierten Unternehmen geringere Kapitalkosten realisieren (30 bis 250 Basispunkte (0,5%-2,5%) beim Eigenkapital bzw. 10 bis 90 Basispunkte (0,1%-0,9%) beim Fremdkapital). Dies resultiert aus der steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten durch Kapitalgeber, welche ihrerseits dadurch ihre finanzierten Emissionen verringern können, sowie einem besseren Risikoprofil von nachhaltigen Projekten. Umgekehrt kann eine Abkehr von Nachhaltigkeit mittelfristig zu ernsthaften Finanzierungshürden bis hin zu Kreditablehnungen führen, da Banken selber sukzessive ihre finanzierten Emissionen reduzieren müssen.
Der EBIT-wirksame Produktivitätsunterschied zwischen nicht nachhaltigen und nachhaltigen Unternehmen kann laut einer Studie der University of California bis zu 21% betragen, denn Motivation und Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Unternehmen und seinen Zielen spielen eine wichtige Rolle für die Produktivität. Gerade projektbezogenen Mitarbeitenden ist ein Beitrag zur nachhaltigen Transformation oft wichtig. In der Folge steigt auch die Einsatzbereitschaft, wenn die eigene Arbeit zu dieser Transformation beiträgt. Außerdem unterscheiden sich die Fluktuationsraten zwischen nachhaltig positionierten Unternehmen und solchen, die das nicht sind, um bis zu 11 % zu Gunsten der Nachhaltigkeit. Dadurch können Recruiting-Kosten, Kosten durch Einarbeitung und Know-How-Verluste reduziert werden.
Neue Kund*innen gewinnen und bestehende Kund*innen halten, gilt als universelles Erfolgsrezept. Mit Nachhaltigkeit kann dies besser gelingen, doch ihr Einfluss auf Kaufentscheidungen hängt stark vom Produkt ab. Im Energiesektor ist dieser Einfluss relativ hoch, der Preis spielt aber eine noch größere Rolle. Bei vergleichbaren Preisen kann sie jedoch den Ausschlag geben. Außerdem kann Nachhaltigkeit dazu beitragen, dass (begrenzt) höhere Preise eher akzeptiert werden.
Auch eine Kund*innenbefragung der Wien Energie hat gezeigt, dass Nachhaltigkeit als Argument strukturell relevant bleibt. Wien Energie erwartet zudem, dass ihre Bedeutung durch die zunehmende Sichtbarkeit von Klimaschäden, gesellschaftliche Debatten und Regulierung weiter zunehmen wird.
Die identifizierten Effekte – etwa bei Finanzierungskosten, Produktivität, Fluktuation und Kund*innenbindung– sind relevant und dürfen keinesfalls unterschätzt werden. Noch bedeutender ist jedoch die Höhe drohender wirtschaftlicher Schäden, wenn Unternehmen die notwendige Transformation verzögern oder unterlassen. Die Ursachen liegen in steigenden Kapitalkosten, sinkender Wettbewerbsfähigkeit, Verlust von Talenten und Marktchancen. Die Risiken des Nicht-Handelns sind ebenso real wie die erzielbaren Wertpotenziale. Die Ergebnisse verdeutlichen: Nachhaltigkeit ist kein Kostenfaktor, sondern ein strategischer Wettbewerbsvorteil. Wer heute investiert, schafft ökonomische Resilienz und eröffnet sich Zugang zu Wachstumsfeldern von morgen. Wer zögert, riskiert strukturelle Nachteile – viele davon irreversibel. Eine glaubwürdige Nachhaltigkeitstransformation ist somit Voraussetzung wirtschaftlich erfolgreichen Handelns, mit der ein Unternehmen zugleich einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl leistet.

Nachhaltigkeitsmanagement

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