Nachbericht zum 11. Energiewirtschaftlichen Kolloquium der Wien Energie

Stefanie-Marie Rupprecht

Im Mittelpunkt des 11. Energiewirtschaftlichen Kolloquiums stand die Präsentation der Studienergebnisse des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) zu einem Kapazitätsmarkt in Österreich. Die Studie wurde im Auftrag von Verbund und Wien Energie durchgeführt.

Energie Kolloquium Podium Redner ist Franz Sensfuß
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Am 05. Mai 2025 luden die Austrian Association for Energy Economics (AAEE) und Wien Energie zum 11. Energiewirtschaftlichen Kolloquium an die TU Wien ein. Im Rahmen der Veranstaltung wurde die von Wien Energie und VERBUND in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer ISI beauftragte Studie zum ersten Mal einem Fachpublikum vorgestellt. Die Analyse des Fraunhofer ISI beleuchtet den Bedarf und gibt Handlungsoptionen für die mögliche Ausgestaltung eines Kapazitätsmarktes für Österreich. Dr. Frank Sensfuß, Hauptverantwortlicher Studienleiter, führte durch die zentralen Ergebnisse und Empfehlungen für die nationale Ausgestaltung.

Die Notwendigkeit flexibler Kapazitäten

Bis 2040 ist eine deutliche Erhöhung der Stromnachfrage zu erwarten. Zur selben Zeit gehen jedoch erhebliche Mengen an Kraftwerkskapazität vom Netz. Da erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenkraft allerdings nur begrenzt steuerbar sind, werden flexible Kapazitäten – also Lastanpassungen, steuerbare Kraftwerke und Speichertechnologien– zunehmend wichtiger. Insbesondere während sogenannter kalter Dunkelflauten - also Tagen mit wenig Sonne, schwachem Wind und hohem Strom- und Wärmebedarf – ist flexibel steuerbare Leistung essentiell, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. „In der Energiewirtschaft ist man sich einig, dass diese Regelleistung im Markt gebraucht wird“, stimmt Michael Strebl, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wien Energie und Präsident der Österreichischen Vereinigung der Energiewirtschaft der steigenden Bedeutung flexibel regelbarer Leistung im zukünftigen Energiesystem zu.

Sicherstellung von Investitionen

Zentral und notwendig für die Versorgungssicherheit sind Investitionen in neue flexible Kapazitäten. Theoretisch liefern im Energiemarkt Preisspitzen in wenigen Stunden pro Jahr die notwendigen Investitionssignale. Diese Preisausschläge sind jedoch zunehmend gesellschaftlich und politisch ungewollt, auch wenn Knappheitspreise immer ein wichtiger Faktor für die effiziente Ressourcenallokation sind. Somit fehlt das Vertrauen in die Wirkung des Marktes und daher ist der Anreiz für Neuinvestitionen eingeschränkt. Mit dem vorgeschlagenen Modell habe man laut Robert Slovacek, Geschäftsführer der VERBUND Energy4Business, eine „marktnahe Lösung“ gefunden. Mit Beauftragung der Studie haben sich beide Unternehmen, deren Kraftwerkspark wohl unterschiedlicher nicht sein könnte, mit einem zunächst unterschiedlichen Verständnis dem Thema Kapazitätsmarkt genähert. Im Verlauf habe man jedoch unglaublich viel dazugelernt und so das effizienteste Modell für Österreich ausgearbeitet.

Ein kombinierter Kapazitätsmarkt vereint das Beste aus zwei Welten

Im Anschluss an die beiden einleitenden Statements der Geschäftsführer folgte die Vorstellung der Kerninhalte der Studie durch Dr. Frank Sensfuß, Hauptstudienersteller vom Fraunhofer ISI. Herr Sensfuß sprach zunächst an, dass die Thematik von Kapazitätsmechanismen bereits vor etwas über 10 Jahren seine Präsenz im wissenschaftlichen sowie politischen Diskurs hatte, die politische Lage damals jedoch eine andere war. Er erklärt, dass mit den energiewirtschaftlichen Eingriffen und den energiepolitischen Veränderungen auch „viele Verfechter des Energy-Only-Marktes aus der Wissenschaft mittlerweile vor der Summe staatlicher Eingriffe kapitulieren mussten“. Neben einem Überblick über bestehende Kapazitätsmechanismen in Europa erläuterte Frank Sensfuß die Spezifika eines kombinierten Kapazitätsmarktes.

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Kapazitätsmärkten unterscheiden, der zentrale und der dezentrale Kapazitätsmarkt. Ziel eines zentralen Kapazitätsmarktes ist die Ausschreibungen von definierter Menge an Leistung durch eine zentrale Stelle. Im dezentralen Markt erfolgt die Absicherung über den Bilanzgruppenverantwortlichen, wobei die regionale Nachfrage der Verbraucher durch entsprechende Absicherungsverpflichtung gedeckt wird. Der kombinierte Kapazitätsmarkt verbindet die Vorteile beider Märkte: Das zentrale Element schafft verlässliche Investitionsbedingungen für den Bau von benötigten Neuanlagen, während das dezentrale Element Bestandsanlagen besichert und die Integration von Lastmanagement ermöglicht. Die Kombination dieser beiden Ansätze erlaubt eine effiziente, bedarfsgerechte Steuerung von Angebot und Nachfrage. Gleichzeitig stärkt sie die Technologie- und Innovationsoffenheit sowie Regionalität des Systems.

Als weiteren wesentlichen Vorteil des kombinierten Marktes nennt der Vortragende die Eindämmung extremer Preisausschläge. Diese hätten sich in der Vergangenheit zunehmend negativ auf Endkund*innen ausgewirkt. Durch die erhöhte Verfügbarkeit von Kapazität auf dem Markt, treten Knappheitssituationen seltener und weniger ausgeprägt auf – was sich wiederum positiv auf die Stabilisierung des Strompreises auswirkt. Zudem werden Kosten der Unterversorgung vermieden, da deren Eintrittswahrscheinlichkeit sinkt. Beide Aspekte – geringere Preisrisiken sowie eine höhere Preisstabilität – trägt nach dem Fraunhofer ISI zur besseren Planbarkeit für Endkund*innen und Unternehmen bei.

Versorgungssicherheit mit Weitblick

Aus der Präsentation sowie der anschließenden Diskussion wurde deutlich: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um sich intensiv mit dem Thema Versorgungssicherheit und Kapazitätsmärkten auseinanderzusetzen.

Angesichts der Entwicklungen in den Nachbarstaaten sowie auf EU-Ebene ist es für Österreich unerlässlich, dieses Thema aktiv anzugehen. Denn kommt es in Nachbarstaaten zur Einführung von Kapazitätsmechanismen, so haben diese zwangläufig Wechselwirkungen auf Österreich. Zentrale Grundlage für die Einführung einer Art von Kapazitätsmechanismus ist jedenfalls eine nationale Bedarfsprognose (National Ressource Adequacy Assessment), die von der zuständigen Regulierungsbehörde beauftragt und vom Übertragungsnetzbetreiber erstellt werden sollte.

Ergibt diese Prognose einen zukünftigen Versorgungsengpass, bietet der kombinierten Kapazitätsmarkt bereits eine konkrete Lösung, um die langfristige Versorgungssicherheit in Österreich zu sichern.