Nachbericht zum 10. Energiewirtschaftlichen Kolloquium der Wien Energie

Stefanie-Marie Rupprecht

Das 10. Energiewirtschaftliche Kolloquium beschäftigte sich mit der Frage, ob ein Kapazitätsmarkt als Garant für Versorgungssicherheit in einem Erneuerbaren System gilt oder ein Hindernis für Innovation am Weg zur Energiewende darstellt.

Podiumsdiskussion beim 10. Energiewirtschaftlichen Kolloquium von Wien Energie
10_EnergieKolloquium-WienEnergie
Open

Kapazitätsmärkte im Spannungsfeld von Versorgungssicherheit und Innovation

Am 2. Dezember 2024 luden die AAEE und Wien Energie zum 10. Energiewirtschaftlichen Kolloquium, das sich unter dem Titel „Kapazitätsmarkt: Garant für Versorgungssicherheit in einem Erneuerbaren System oder Hindernis für Innovation am Weg zur Energiewende“ mit einem zentralen Thema der Energiewirtschaft auseinandersetzte. Ein nachgewiesener Flexibilitätsbedarf von 13–15 GW  bis 2040 und der Wegfall flexibler thermischer Kraftwerkskapazitäten führen zunehmend zu Herausforderungen für Investitionen in eine zuverlässige flexible Stromversorgung. Diese werden zudem durch politische Eingriffe wie Preisobergrenzen verschärft. Hochkarätige Expert*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung kamen zusammen, um über die Zukunft der Versorgungssicherheit, Investitionsanreize und die Innovationsfähigkeit im Energiesystem zu diskutieren.

Dekarbonisierung bringt neue Systemanforderungen

Den Auftakt machte Michael Strebl, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wien Energie, mit einer klaren Analyse: „Verbrauch und Erzeugung werden in der dekarbonisierten Zukunft nicht mehr parallel verlaufen. Das verlangt nach neuen Ansätzen und Antworten.“ Ob Kapazitätsmechanismen – als Ergänzung zum bestehenden Energie-Only-Markt (EOM) – eine Lösung für die Herausforderungen eines vollständig auf erneuerbarer Energie basierten Systems sind, war die Leitfrage des Abends.

3 Modelle im Fokus: Welcher Ansatz sichert unsere Energiezukunft?

Dr. Christoph Luderer vom Fraunhofer ISI eröffnete den fachlichen Austausch mit einer differenzierten Bewertung der Vor- und Nachteile des zentralen, dezentralen und kombinierten Kapazitätsmarktmodells. Während das zentrale Modell vor allem Versorgungssicherheit und Investitionsanreize bietet, fördert das dezentrale Modell innovative Ansätze. Das kombinierte Modell versucht die Vorteile beider Systeme zu vereinen, bringt jedoch aufgrund hoher Komplexität Umsetzungsherausforderungen mit sich. Dem sei vorangestellt, dass politische Unsicherheiten und Abschöpfungsmechanismen, das Vertrauen der Investoren in den Markt beeinträchtigen könnten, was zentrale Hürde für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit in Zukunft sein kann.

Transformation und Planungssicherheit: Ein Balanceakt

Im Anschluss diskutierten die Expert*innen Prof Dr. Werner Hoffmann (WU), Karina Knaus (Austrian Energy Agency), Dr. Aria Rodgarkia-Dara (Frontier Economics) und Dr. Christoph Luderer (Fraunhofer ISI) die unterschiedlichen Auswirkungen eines Kapazitätsmarktes auf den (österreichischen) Energiemarkt. Für eine nachhaltige Transformation müsse ein Rahmen geschaffen werden, der über einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren Planungssicherheit bietet – ohne jedoch die Energiekosten für Haushalte und Industrie unverhältnismäßig zu erhöhen. Karina Knaus von der österreichischen Energieagentur betonte, dass die Versorgungssicherheit inzwischen weit über die reine Kapazitätsplanung hinausgehe. Themen wie „Flexibilitätsangemessenheit“ (Flexibility Adequacy) und „Brennstoffangemessenheit“ (Fuel Adequacy) gewinnen zunehmend an Bedeutung, werden in den aktuellen Mechanismen und im EU-Rechtsrahmen jedoch unzureichend berücksichtigt. Auch die grenzüberschreitenden Dimensionen von Kapazitätsmärkten müssen genauer beleuchtet werden, so Dr. Aria Rodgarkia-Dara, Manager bei Frontier Economics. Einig waren sich die Diskutanten in der Notwendigkeit klarer Regeln, um Zeiten großer Unsicherheiten anzugehen.

Das Kolloquium endete mit einer klaren Botschaft: „Die Transformation ist mit vielen Unsicherheiten verbunden, doch sie darf uns nicht von notwendigen Investitionen abhalten,“ fasste Professor Hoffmann zusammen.