Versorgungssicherheit mit Weitblick: Kraftwerksstrategie für Österreich

Stefanie-Marie Rupprecht

Bis 2040 ist eine deutliche Erhöhung der Stromnachfrage zu erwarten, gleichzeitig schreitet der Ausbau Erneuerbarer Energien voran. Dadurch wird der Bedarf an flexibler Erzeugung erhöht. Thermische Kraftwerkskapazitäten sind für die Deckung des Flexibilitätsbedarfs von zentraler Bedeutung. Altersbedingt gehen jedoch in den nächsten Jahren erhebliche Mengen flexibler Kraftwerke vom Netz. Entsteht eine Versorgungslücke für Österreich?

Kraftwerk Simmering von Wien Energie
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Ein Stromsystem im Wandel

Die Stromstrategie 2040 von Österreichs Energie zeigt deutlich: Durch die zunehmende Elektrifizierung und Sektorenkopplung wird sich der Strombedarf in Österreich bis 2040 verdoppeln. Der rapide Ausbau Erneuerbarer Energien soll diesen Bedarf bestmöglich decken und gleichzeitig eine 100% erneuerbare Stromversorgung (bilanziell) bis 2030 ermöglichen. Die zunehmende Integration Erneuerbarer Energien erhöht aufgrund ihrer volatilen Erzeugung jedoch auch den Flexibilitätsbedarf im Stromsystem. Windkraft- und PV-Anlagen kommen nämlich nur dann zum Einsatz, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Vor allem in Abendstunden und an kalten Tagen ohne Wind und Sonne, den sogenannten kalten Dunkelflauten, ist der Stromverbrauch oftmals am höchsten. Hier sind flexible Kraftwerke entscheidend, um die Stabilität des Systems zu sichern und die Versorgung zu gewährleisten. Viele dieser Anlagen werden jedoch in den nächsten 15 Jahren altersbedingt stillgelegt. Ohne rechtzeitige Gegenmaßnahmen droht eine Versorgungslücke – eine zentrale Gefahr für den Industriestandort Österreich.

Flexible Leistung als Rückgrat der Versorgungssicherheit

Um potentielle Versorgungsengpässe in Zeiten geringer erneuerbarer Erzeugung zu vermeiden, sind ausreichend flexible Kapazitäten im System nötig. Altersbedingt stillgelegte konventionelle Anlagen müssen durch steuerbare, klimaneutrale Alternativen ersetzt werden. Dafür werden grüngasbasierte, hochflexible Kraftwerke auch künftig eine zentrale Rolle spielen.  Für den Bau dieser Kraftwerke fehlt es derzeit jedoch an ausreichender Investitionssicherheit. Denn Investitionsanreize über Preisspitzen, sogenannte „Scarcity Prices“, bleiben in der Praxis zunehmend aus. Sie sind selten, unvorhersehbar und oft durch politische Eingriffe begrenzt. Daher ist ein intensiver Diskurs über die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen zur Vergütung der Bereitstellung von flexibler Kraftwerkskapazität erforderlich.

Versorgungssicherheit als Standortfaktor

Eine zuverlässige, wirtschaftlich tragbare und dekarbonisierte Energieversorgung ist angesichts des steigenden Strombedarfs unerlässlich, um den Wirtschaftsstandort Österreich zu erhalten und zu stärken. Um etwaige Unterversorgung zu vermeiden und Versorgungssicherheit zu gewährleisten, benötigt es demnach Langfriststrategien, welche die Resilienz des österreichischen Energiesystems auch künftig sicherstellen und zugleich den Dekarbonisierungspfad vorantreiben. Die neue Bundesregierung hat dies erkannt und eine Kraftwerksstrategie für Österreich als klares Ziel im neuen Regierungsprogramm festgeschrieben.

Kraftwerksstrategie für Österreich

Eine Kraftwerksstrategie legt strategische Entscheidungen über den Bau von Kraftwerken, unter Berücksichtigung der österreichischen Dekarbonisierungsziele und Netzkapazitäten, fest. Die Strategie zielt darauf ab, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, indem immer jene flexible Erzeugungskapazitäten zur Verfügung stehen, die notwendig sind, um den Strombedarf zu jedem Zeitpunkt zu decken - auch bei kalten Dunkelflauten.

Eine gesamthafte Kraftwerksstrategie, welche alle Technologien berücksichtigt und Investitions- und Planungssicherheit bietet, wird für den Erfolg eines zukünftig dekarbonisierten Energiesystems entscheidend sein. Der Bau neuer, hochflexibler und klimaneutraler Kraftwerke erfordert jedoch eine Vorlaufzeit von mindestens acht Jahren. Eine frühzeitige Strategie ist daher unerlässlich, um Planungssicherheit zu schaffen, Investitionen im Gesamtsystem maximal kosteneffizient zu gestalten und Einsparungspotentiale durch Vorausschau zu heben. Nur so können die volkswirtschaftlichen Kosten beim Umbau des Energiesystems effektiv minimiert werden, während der hohe Versorgungssicherheitsstandard in Österreich gewährleistet bleibt.