Ben Raho

Geothermie: Erwacht der schlafende Riese der Energiewende?

07.05.2026

Geothermie befindet sich weltweit im Aufwind und könnte sich langfristig von einer Nischentechnologie zu einem wichtigen Puzzlestein der Dekarbonisierung entwickeln. Ein Blick auf die internationale Entwicklung zeigt, welche Länder dabei zu den Vorreitern zählen und wie Europa sowie Österreich im globalen Vergleich aufgestellt sind.

Geothermie Prozess in der Natur© Maximilian Brand

Vom Nischenprojekt zur Schlüsseltechnologie der Energiewende

Obwohl es seit über 100 Jahren Anlagen gibt, die Wärme und Strom aus Erdwärme gewinnen, war Geothermie bisher wenig mehr als eine Fußnote der Energiewende. Sie war vor allem auf Gegenden wie Island, Costa Rica oder Italien beschränkt, wo vulkanische Aktivität hohe Temperaturen oberflächennah verfügbar waren. Doch die Voraussetzungen könnten kaum besser sein, aus dieser Nische auszubrechen: Unsicherheiten bei der Versorgung mit fossilen Brennstoffen, die Notwendigkeit der Energiewende durch den Klimawandel, der wachsende Energiebedarf von Rechenzentren und aufstrebenden Entwicklungsländern sowie sinkende Bohrkosten verschaffen ihr eine historische Chance.

Dies wird durch zahlreiche Studien und Analysen bestätigt: Ende 2025 attestierte die Internationale Energieagentur (IEA) der Geothermie in einer Analyse ein signifikantes Wachstum in den nächsten Jahrzehnten, übertroffen nur durch Solarenergie. Eine im Februar 2026 veröffentlichte Untersuchung vom Energie-Thinktank EMBER kam zum Schluss, dass Stromerzeugung durch Geothermie bereits jetzt, ohne Subventionen, mit Strom aus Gas und Kohle mithalten kann und so bereits jetzt eine Schlüsselrolle im europäischen Energiesystem einnehmen könnte. Eine weitere Studie kam zum Ergebnis, dass die Geothermie preislich bereits 2027 in weiten Teilen der USA mit Gaskraftwerken mithalten könne.

Die USA prescht vor

Auch die US-Tech-Riesen haben die Geothermie für sich entdeckt, gerade wegen des Energiehungers der Rechenzentren, welche derzeit dort aus dem Boden schießen und das Stromsystem an seine Grenzen bringen. Sie bietet hier große Vorteile: Sie ist grundlastfähig und kann auch zur Kühlung eingesetzt werden, zusätzlich kann sie aufgrund des geringen Platzverbrauches bei geeigneten geologischen Grundvoraussetzungen in der Nähe der Rechenzentren gebaut werden und so die Kosten für Netzausbau und Anschlüsse minimiert werden. So arbeitet etwa Google mit dem Unternehmen Fervo Energy zusammen um Geothermie für Rechenzentren zu nutzen. Auch Facebook Mutter META ist seit mehreren Jahren in ähnliche Projekte involviert. So ist es auch nachvollziehbar, dass gerade die US-Regierung unter Präsident Trump, der keineswegs als Freund der Erneuerbaren gilt, jetzt Millionen für die Geothermie bereitstellt. All diese Entwicklungen deuten auf einen anhaltenden Boom in den USA hin, vor allem da die USA dank ihrer Öl-Industrie sehr viel Kompetenz im Land hat.

Asien zieht nach

Wie so oft spiegeln sich Trends in den USA auch in Asien wider. China hat in den letzten Jahren ebenfalls die Geothermie für sich entdeckt und setzt sie in beeindruckendem Maßstab um. Im fünfzehnten 5-Jahresplan nimmt sie eine bedeutende Rolle ein, allerdings liegt der Fokus hier stärker auf Wärmebereitstellung und Kühlung (für Haushalte, Landwirtschaft und Industrie) als auf Verstromung. Bis 2035 wird China ca. 500 MW Kapazität in Betrieb haben.

Dank ihrer vulkanischen Geologie sind Indonesien und die Philippinen schon deutlich weiter und bauen rapide aus, wobei hier der Fokus vor allem auf der Verstromung liegt: In Indonesien sind bereits fast 3 GW in Betrieb, allerdings gibt es hier das Potenzial einer Verzehnfachung. In den Philippinen sind 2 GW bereits installiert, wobei es in den nächsten Jahren zu einer Verdoppelung kommen könnte. Trotz hervorragender geologischer Voraussetzungen hat Japan die Geothermie eher stiefmütterlich behandelt – dies ändert sich jetzt allerdings: Der 2024 veröffentlichte Strategische Energieplan attestiert ihr nun eine zentrale Rolle mit einem deutlichen Fokus auch Next-Generation Technologien. Ein Potenzial von bis zu 25 GW kann in den nächsten Jahrzehnten für die Strom- und Wärmegewinnung ausgeschöpft werden. Auch Indien hat im Vorjahr zum ersten Mal einen nationalen Geothermieplan erstellt.

Große Pläne für die Geothermie als globales Phänomen

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich weltweit: Staaten, welche dank Geologie bereits Anlagen betreiben und hohe Potenziale haben wollen ihren Ausbau massiv beschleunigen: Neuseeland, Kenya, Mexiko, Chile, Türkei und viele mehr haben in den letzten 2-3 Jahren ambitionierte Pläne vorgelegt ihre Kapazitäten zu vervielfachen. Gleichzeitig haben die bereits angesprochenen geopolitische und technologischen Entwicklungen aber Geothermie für Länder attraktiv gemacht, welche sie bisher ignoriert haben. Sowohl für Wärmegewinnung als auch Verstromung handelt es sich um Potenziale im dreistelligen GW-Bereich.

Und Europa?

Auch in Europa, der Heimat der Tiefengeothermie, scheint das Interesse zu steigen. Die EU selbst hat die Geothermie jahrelang im Vergleich zu anderen Erneuerbaren sowie Wasserstoff eher ignoriert, wobei sich dieser Trend in den letzten Jahren endlich umzudrehen scheint. Eine dementsprechende Initiative des EU-Parlaments wurde 2024 (fast einstimmig) verabschiedet und nach und nach findet die Geothermie auch in Strategien und Beschlüssen Erwähnung, etwa im Net-Zero Industry Act, wo sie als Schlüsseltechnologie gilt. 2026 soll erstmalig auch eine europäische Geothermiestrategie kommen. In vielen Mitgliedsstaaten gibt es bereits entsprechende Strategien, während viele Staaten wie Deutschland (siehe das Geothermie-Beschleunigungsgesetz), Frankreich, Polen, Ungarn usw. bereits die rechtlichen Grundlagen für einen massiven Ausbau der Geothermie, vor allem für die Fernwärme geschaffen haben.

Langsam auch Bewegung in Österreich

In Österreich leidet die Tiefengeothermie seit Jahren unter langwierigen Verfahren, unklaren Behördenzuständigkeiten sowie einem veralteten Montanrecht sowie Wasserrecht, welche diese Technologie nicht ausreichend berücksichtigen. Nach jahrelangem Stillstand bei der Entwicklung eines neuen Rechtsrahmens kommt auch in Österreich langsam Bewegung in die Sache: Die im Frühjahr 2026 publizierte Industriestrategie bestätigte ihre Relevanz, während ein einstimmiger Beschluss des Nationalrats die baldige Novellierung der entsprechenden Rechtsmaterien bestätigte. Diese sollen bis Ende des Jahres umgesetzt werden.

Fazit

Trotz dieses beeindruckenden globalen Trends muss man sich vor Augen führen, dass die Geothermie von sehr niedrigem Niveau beginnt – derzeit ist sie bei unter 1% wenig mehr als ein Rundungsfehler der globalen Primärenergiebereitstellung. Dank Next-Generation-Technologien und günstiger Rahmenbedingung könnte dieser Anteil bis Mitte des Jahrhunderts allerdings laut etwa IEA auf bis zu 5% steigen. Für Europa und Österreich gilt es jetzt, diesen Trend nicht zu verschlafen.