Stellt der Energy-Only-Markt noch ausreichend Anreize für versorgungsrelevante Kapazitäten bereit und welche Rolle können Kapazitätsmechanismen spielen? Mit dieser Fragestellung hat sich im Forschungsprojekt TeKaVe “Technologieneutrale Kapazitätsmechanismen für eine versorgungssichere Energiezukunft“ ein Team des AIT Austrian Institute of Technology GmbH, des Energieinstituts an der Johannes Kepler Universität Linz und der EPEX SPOT auseinandergesetzt.

In einem funktionierenden Energy-Only-Markt sollten Kraftwerke – gerade jene die aktiv zur Versorgungssicherheit beitragen – ihre Kosten durch den Verkauf von Strom decken können.
In den vergangenen Jahren war der europäische und österreichische Strommarkt jedoch zunehmend von starken Preisschwankungen, regulatorischen Eingriffen und hoher Unsicherheit geprägt. Diese Faktoren erschweren die wirtschaftliche Planung bestehender Anlagen und hemmen Investitionen in neue, flexible Erzeugungskapazitäten – mit möglichen Folgen für die Versorgungssicherheit. Ein Blick auf die Stromstrategie 2040 zeigt den Handlungsdruck deutlich: Die erwartete Verdoppelung des Strombedarfs macht eine Verdreifachung der installierten Leistung erforderlich. Umso wichtiger sind stabile Rahmenbedingungen und ein attraktiver Investitionsstandort Österreich für flexible und klimafreundliche Kraftwerke.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion rund um die Einführung ergänzender Kapazitätsmechanismen auch in Österreich an Bedeutung. Zahlreiche europäische Länder haben solche Instrumente bereits eingeführt, um die Versorgungssicherheit langfristig abzusichern. Auch in Österreich stellt sich zunehmend die Frage, ob ergänzende Marktmechanismen nötig sind, um verlässliche Investitionsanreize zu schaffen.
Zu Beginn des Projekts stand eine umfassende Analyse des österreichischen Energy-Only-Markts – sowohl qualitativ als auch quantitativ. Ziel war es, mögliche Schwachstellen zu identifizieren, die Investitionen in versorgungsrelevante Kapazitäten behindern könnten.
Im Zuge einer umfangreichen qualitativen Analyse wurde der Erfüllungsgrad der drei zentralen Säulen eines funktionierenden Energy-Only-Markts bewertet, die im Folgenden überblicksweise dargestellt sind: Vollkommener Markt, Planungssicherheit und Ausreichende Knappheitspreise. Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kann der Markt ausreichend Anreize für neue Kapazitäten bieten.

Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass dies derzeit nicht der Fall ist – vor allem die eingeschränkte Planungssicherheit und die Unsicherheit über künftige Knappheitspreise dämpfen die Investitionsbereitschaft. Eine Diskussion dieser Kriterien ist auf en.ergie.at nachzulesen.
Darüber hinaus wurden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen quantitativ analysiert – auf Basis einer Abschätzung der Deckungsbeiträge verschiedener Kraftwerkstypen. Dazu wurden insgesamt 20.000 Simulationen der historischen und theoretischen Kraftwerkseinsätze für die Jahre 2019 bis 2024 durchgeführt – unter Berücksichtigung diverser Unsicherheiten (technologiespezifische Parameter und Kosten, Lebensdauer, sowie Kapitalverzinsung). Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl erneuerbare als auch thermische Kraftwerke grundsätzlich das Potenzial haben, Profite zu erwirtschaften – sich dieses Potenzial jedoch unter den derzeitigen Marktbedingungen kaum realisieren lässt. Besonders zukünftige dekarbonisierte Gaskraftwerke – in denen z. B. Wasserstoff zum Einsatz kommt – können selbst unter optimistischen Annahmen keine ausreichenden Deckungsbeiträge erwirtschaften.
Im weiteren Verlauf des Projekts stand die Frage im Fokus, welcher Kapazitätsmechanismus den österreichischen Energy-Only-Markt am effektivsten ergänzen könnte – insbesondere für den Fall, dass im Zuge des European Resource Adequacy Assessment (ERAA) ein sogenannter Mangel der “Angemessenheit der Ressourcen” festgestellt wird. Darüber hinaus wurde untersucht, wie ein solcher Mechanismus nicht nur auf die Versorgungssicherheit in Österreich, sondern auch auf die nationalen Klima- und Energieziele auswirken kann.
Die durchgeführte Marktmodellierung für Österreich belegt deutlich: Ein Kapazitätsmarkt stellt die ausgewogenste Lösung dar, um ein potenzielles Versorgungssicherheitsproblem zu adressieren. Er ist technologieinklusiv, erzielt eine hohe Effizienz in Bezug auf Gesamtkosten für Verbraucher*innen und verursacht geringere Marktverzerrungen als andere Mechanismen.
Andere Modelle schneiden weniger gut ab: Eine Strategische Reserve stößt aufgrund des begrenzten Volumens der Teilnehmer*innen in Österreich an ihre Grenzen und führt tendenziell zu höheren Preisen am Day-Ahead-Markt. Ein “Flexibilitätstender” (eine gezielte Ausschreibung für neue Flexibilitäten) weist zwar die niedrigsten Gesamtkosten auf, verursacht jedoch deutliche Marktverzerrungen – insbesondere zulasten flexibler Technologien im System.

Die im Projekt durchgeführte länderübergreifende Analyse bestehender Kapazitätsmechanismen sowie aktueller europäischer Entwicklungen und Auktionsergebnisse liefert wertvolle Hinweise für die Gestaltung eines österreichischen Kapazitätsmarkts.
Empfehlenswert ist eine Orientierung an den europäischen Kriterien im Rahmen des Clean Industrial Deal State Aid Framework (CISAF), um eine weitgehende Harmonisierung und eine zügige Genehmigung durch die EU-Kommission zu erleichtern. Gleichzeitig müssen die nationalen Rahmenbedingungen und energiepolitischen Zielsetzungen maßgeblich bleiben – so muss etwa ein zukünftiger Kapazitätsmarkt im Einklang mit den österreichischen Klimazielen stehen. Neben ökonomischer Effizienz ist daher insbesondere darauf zu achten, fossile Lock-in-Effekte zu vermeiden – etwa durch klare Emissionsgrenzen für teilnehmende Anlagen.
Zudem sollte die Ausgestaltung technologieinklusiv erfolgen. Kürzere Vorlaufzeiten und geringere Mindestgebotsgrößen können insbesondere nachfrageseitige Flexibilität und Speichertechnologien stärker einbinden und so helfen, den wachsenden Flexibilitätsbedarf (vgl. das zukünftige Flexibility Needs Assessment) künftig besser zu decken. Ähnlich ist auch eine regionale Komponente in Kapazitätsmechanismen grundsätzlich denkbar und Teil der Diskussion. Eine Umsetzung erweist sich jedoch als komplex und erfordert besondere Sorgfalt, um Marktmacht und überhöhte Renditen zu vermeiden – weswegen der praktische Mehrwert sorgfältig untersucht werden sollte.
Die Analyse im Projekt TeKaVe zeigt, dass die Voraussetzungen im aktuellen Energy-Only-Markt allein nicht ausreichend Anreize bieten, um in neue, flexible und klimafreundliche Kraftwerke zu investieren. Steigende Unsicherheiten bremsen Investitionen – mit potenziellen Folgen für die Versorgungssicherheit. Ein ergänzender Kapazitätsmechanismus könnte hier Abhilfe schaffen. Die Modellierungen zeigen, dass ein Kapazitätsmarkt die ausgewogenste Lösung wäre: technologieinklusiv, effizient und mit geringen Verzerrungen. Wichtig ist dabei, europäische Vorgaben zu berücksichtigen, fossile Lock-ins zu vermeiden und auch Speicher und Flexibilitäten aktiv einzubinden.
Klar ist: Österreich braucht stabile Rahmenbedingungen, um Investitionen in Versorgungssicherheit und Klimaschutz zugleich zu ermöglichen. Ein klug gestalteter Kapazitätsmarkt kann dabei ein Puzzlestein auf dem Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft werden.

Research Engineer, AIT

Technician, AIT