Gastbeitrag: Der ÖNIP-Entwurf und warum es Wert ist, hier noch eine Runde zu drehen

Barbara Schmidt

Die E-Wirtschaft blickt mit Spannung auf die Veröffentlichung des aktuell in Überarbeitung befindlichen integrierten österreichischen Netzinfrastrukturplans (ÖNIP). Oesterreichs Energie hat sich kritisch mit dem Begutachtungsentwurf auseinandergesetzt und neben vielen positiven Ansätzen, auch für die Branche essenzielle, aber noch fehlende Aspekte identifiziert.

Hochspannungsmast und Himmel
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Der integrierte Österreichische Netzinfrastrukturplan (ÖNIP)

Der integrierte österreichische Netzinfrastrukturplan ÖNIP dient der frühzeitigen und laufenden Modernisierung der Energieinfrastruktur. Durch eine verbesserte Koordinierung des Netzausbaus mit dem Ausbau von Anlagen zur Erzeugung und Speicherung von Strom und Gas aus erneuerbaren Quellen, soll er die Versorgungssicherheit langfristig gewährleisten. Das Potenzial des Plans ist also enorm, die Komplexität der Aufgabenstellung aber ebenfalls. Nach Einschätzung von Oesterreichs Energie unterstützt der ÖNIP in seiner gegenwärtigen Fassung zwar den Ausbau der erneuerbaren Energie, tatsächliche Erleichterungen für die Projektrealisierung sind aber nur bedingt erkennbar. Wir plädieren daher für eine Überarbeitung – und zwar sowohl hinsichtlich inhaltlicher, als auch struktureller und methodischer Aspekte. Dabei sollten insbesondere Leistungsbetrachtungen und Aspekte der Versorgungssicherheit, ergänzend zur Netzinfrastruktur, im Fokus stehen und verschiedene Ausbauszenarien für Erneuerbare betrachtet beziehungsweise evaluiert werden.

Wir bedauern zudem, dass der Entwurf in vielen Punkten nicht im Einklang mit dem nationalen Energie- und Klimaplan für Österreich (NEKP) steht. Der NEKP beschreibt, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien in Österreich langfristig voranschreiten soll – der Ausbau der Stromnetze spielt hier eine zentrale Rolle. Hier bräuchte es deutlich mehr Klarheit.

Genauere Definitionen notwendig

Ein wichtiger Punkt ist u.a. das dem ÖNIP zugrunde liegende Transition-Szenario, das den Übergang zu einer bilanziell vollständig auf erneuerbarem Strom basierenden Elektrizitätsversorgung ab dem Jahr 2030 sowie zur „Klimaneutralität“ Österreichs ab dem Jahr 2040 umreißt. Durch die aktuell vorhandenen Unstimmigkeiten und Lücken im Transition-Szenario, ist ein Ausblick auf die Netzinfrastruktur, die wir für die Erreichung der Klimaneutralität 2040 benötigen, nahezu unmöglich. Hier wäre eine „modellgestützte Analyse“ empfehlenswert. Ein Beispiel: Laut dem Szenario müsste die Ökostromerzeugung bis 2030 um 39 Terawattstunden (TWh) gesteigert werden, von denen 21 TWh auf die Photovoltaik und die Windkraft entfallen. Dies ist allerdings kaum realistisch, da weder die geltenden Ziele der Bundesländer ausreichen, um den bis dato geplanten Ökostromausbau um 27 TWh zu gewährleisten, noch die Ausschreibungsvolumina bezüglich der Marktprämien nach dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) ausgeschöpft wurden.

Die Rolle der Gaskraftwerke ab 2040 für den sicheren Netzbetrieb muss ebenfalls noch klarer herausgearbeitet werden. Laut ÖNIP-Entwurf steigt die Spitzenlast in Österreich bis 2040 auf „bis zu 18 Gigawatt (GW)“. Unklar ist aber, wie diese Spitzenlast mit dem Erzeugungspark gemäß Transition-Szenario sicher gedeckt werden kann. Die Ausbaupotenziale bei der Wasserkraft sowie die Erweiterung der Pumpspeicherkapazitäten werden im aktuellen Entwurf ebenfalls kaum berücksichtigt.

360-Grad-Blick gefordert

Ein wesentliches Problem besteht darin, dass für den Ausbau der Erneuerbaren zwar ambitionierte Ziele definiert, die Auswirkungen auf das Stromsystem jedoch nur unzureichend betrachtet werden. Konkret geht es hier um FlexibilitätenSpeicher und gesicherte Leistungen, deren Ausbau und Einsatz integraler Bestandteil einer Perspektive auf das Stromsystem 2040 sein müssen.

Positiv ist, dass der ÖNIP-Entwurf den aktuellen Netzentwicklungsplan der Austrian Power Grid (APG) bis 2032 voll inhaltlich bestätigt. Zusätzlich sollten im ÖNIP aber nicht nur Trassenkorridore festgelegt, sondern konkrete Projekte für den Netzausbau aufgenommen werden. Auch verbundene Netzknotenpunkte wie etwa Umspannwerke sollten darin samt Angabe der benötigten Spannungsebene sowie n-1-sichere Transportkapazitäten enthalten sein. Essenziell im ÖNIP, aber auch über diesen hinausgehend, ist eine gesamthafte Koordinierung des Übertragungs- und Verteilernetzausbaus. Lokale Energieinfrastruktur muss mit der überregionalen sowie nationalen Strominfrastruktur systemisch zusammengeführt werden.

Ebenfalls maßgeblich für eine erfolgreiche und effektive Umsetzung zur Erreichung der Ziele: Wir brauchen schnellere Genehmigungsverfahren – nicht zuletzt durch das im Jänner 2023 angekündigte Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG), das so rasch wie möglich beschlossen werden sollte. So können der ÖNIP und die strategische Umweltprüfung des ÖNIP einen wichtigen Beitrag zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren leisten.

  • Barbara Schmidt

    Generalsekretärin Oesterreichs Energie