Österreich erlebt einen dynamischen Hochlauf der Elektromobilität: Mit fast 240.000 rein elektrisch betriebenen Pkw bis August 2025 und einem Anteil von über 22 % bei Neuzulassungen ist der Wandel auf der Straße deutlich sichtbar. In Wien ist dieser Trend besonders ausgeprägt – die Stadt verfügt über das dichteste öffentliche Ladenetz Österreichs und verzeichnet in mehreren Bezirken bereits einen Elektroanteil von über 50 % bei Neuwagen.

Mit dem Aufschwung der Elektromobilität rückt eine zentrale Frage in den Fokus: Wo wird geladen? Öffentliche Ladepunkte sind zwar für die Versorgung unterwegs unerlässlich, können den alltäglichen Ladebedarf angesichts des raschen Wachstums der E-Mobilität jedoch nicht langfristig flächendeckend abdecken. Laut der „Stadt am Strom(e)“-Studie der Stadt Wien werden bis 2030 rund 70.500 bis 100.500 Ladepunkte benötigt, um den steigenden Bedarf zu decken – insbesondere im Wohnbereich. Denn dort stehen Fahrzeuge über viele Stunden – meist nachts – ungenutzt. Diese langen Standzeiten bieten optimale Bedingungen für ein planbares, kostengünstiges und netzschonendes Laden.
In einer dicht besiedelten Stadt wie Wien, in der ein Großteil der Bevölkerung in Mehrparteienhäusern lebt, ist der Zugang zur Ladeinfrastruktur am Wohnort ein entscheidender Hebel für die erfolgreiche Umsetzung der Mobilitätswende. Schätzungen des BEÖ zufolge wird zu 80% dort geladen, wo das E-Auto die meiste Zeit steht – Zu Hause oder am Arbeitsplatz. Doch gerade hier liegt die Herausforderung: die Ladeinfrastruktur – vor allem - in Wiener Wohngebäuden bleibt hinter dem Bedarf zurück. Besonders in Mehrparteienhäusern ist die Umsetzung komplex: Eigentümergemeinschaften müssen zustimmen, alte Elektroinstallationen sind oft überlastet, und die Kosten für Netzanschluss und Vorrüstung sind hoch. Projekte scheitern häufig an technischen Einschränkungen, rechtlichen Unsicherheiten und fehlenden Förderungen.
Das neue Förderprogramm eMove Austria setzt einen klaren Schwerpunkt auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Unter dem Dach des Bundesministeriums für Innovation, Mobilität und Infrastruktur stehen bis 2026 rund 500 Millionen Euro zur Verfügung. Für private Ladeinfrastruktur in Mehrparteienhäusern gelten folgende Fördersätze:
Diese Förderungen sind ein wichtiger Schritt – doch sie reichen nicht aus, um die hohen Kosten für Vorrüstung, Lastmanagement und Netzanschluss in Bestandsgebäuden zu decken. Gerade hier braucht es gezielte Programme, die auch technische Vorarbeiten und Planungskosten berücksichtigen.
Mit der Novelle der Wiener Bauordnung und des Garagengesetzes wurde die EU-Gebäuderichtlinie zur Energieeffizienz umgesetzt. Die neuen Vorgaben schaffen klare rechtliche Rahmenbedingungen für Ladeinfrastruktur im Neubau und bei größeren Renovierungen. Besonders hervorzuheben ist:
Neubau:
Bestand:
Diese Maßnahmen sind entscheidend, um zukünftige Nachrüstungen kosteneffizient und technisch machbar zu gestalten. Sie schaffen Planungssicherheit für Bauträger, Hausverwaltungen und Eigentümergemeinschaften.
Die Umsetzung von Ladeinfrastruktur in Mehrparteienhäusern ist nicht nur technisch anspruchsvoll – sie ist auch organisatorisch hochkomplex. In der Praxis zeigt sich: Selbst bei grundsätzlicher Zustimmung zum Thema Elektromobilität scheitern Projekte oft an langwierigen Abstimmungsprozessen innerhalb der Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG). Einstimmigkeit ist nicht erforderlich, aber ohne breite Zustimmung lassen sich Investitionen kaum realisieren.
Hinzu kommen lange Genehmigungsprozesse, insbesondere wenn bauliche Veränderungen oder Eingriffe in die bestehende Elektroinstallation notwendig sind. Die Einbindung von Hausverwaltungen, Netzbetreibern, Elektrounternehmen und Förderstellen erhöht die Zahl der Beteiligten – und damit die Projektkomplexität. Je mehr Parteien involviert sind, desto höher ist der Abstimmungsaufwand und das Risiko von Verzögerungen.
Gerade im Bestand sind zudem individuelle Lösungen oft nicht sinnvoll oder technisch nicht umsetzbar. Gemeinschaftliche Ladeinfrastruktur mit intelligentem Lastmanagement ist zwar effizienter, erfordert aber eine koordinierte Planung und klare Zuständigkeiten – beides ist im Mehrparteienhaus nicht selbstverständlich.
Was gut funktioniert: Neubauten integrieren Ladeinfrastruktur zunehmend standardmäßig. Erste Pilotprojekte im Bestand zeigen, dass gemeinschaftliche Lösungen technisch umsetzbar und sinnvoll sind. Die rechtlichen Rahmenbedingungen werden verbessert – ein wichtiger Schritt.
Doch um die Mobilitätswende auch im Wohnbau zu schaffen, braucht es mehr:
Die Ladeinfrastruktur im Mehrparteienhaus ist kein Randthema – sie ist zentral für die urbane Mobilitätswende. Wien hat mit der Bauordnungsnovelle einen wichtigen Schritt gemacht. Jetzt braucht es politischen Willen, gezielte Investitionen und klare Zuständigkeiten, um die Umsetzung im Bestand zu beschleunigen.

Produktmanager Photovoltaik & E-Mobilität

Produktmanagerin E-Mobilität