Gastbeitrag: Warum Österreich bei Energiekrisen immer verliert – und wie wir das ändern können

Christoph Dolna-Gruber

Warum treffen Energiekrisen Österreich besonders hart? Die hohe Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas macht Haushalte, Unternehmen und den Staat anfällig für Preisschocks – mit spürbaren Folgen für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit. Doch es gibt einen Ausweg: Mit mehr heimischer, erneuerbarer Energie und effizienteren Technologien kann Österreich seine Risikoposition deutlich verbessern. Jetzt entscheidet sich, ob wir diesen Weg konsequent weitergehen.

PV Anlage und Windrad auf Feld in Mönchhof© Wien Energie

Das Wichtigste in Kürze

  • Wiederkehrende Energiekrisen wirken wie „ökonomische Naturkatastrophen“ und belasten Haushalte, Unternehmen und öffentliche Budgets gleichermaßen.
  • Österreich ist aufgrund seiner starken Importabhängigkeit von fossiler Energie bei Preissteigerungen strukturell im Nachteil.
  • Die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Abhängigkeit sind erheblich und steigen in Krisenjahren massiv an.
  • Die Energiewende ist der zentrale Hebel, um diese Risikoposition durch effiziente Technologien und mehr heimische Energie zu reduzieren.
  • Technologischer Fortschritt zeigt, dass Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit vereinbar sind.
  • Entscheidend ist jetzt, den eingeschlagenen Kurs in Richtung Unabhängigkeit konsequent fortzusetzen und deutlich zu beschleunigen.

Wiederkehrende Energiekrisen bedrohen Wohlstand und Wirtschaftsstandort

Die Parallelen drängen sich auf: Österreich erlebte innerhalb von gut zwei Jahrzehnten drei hundertjährliche Hochwasser (2002, 2013, 2024) und binnen fünf Jahren zwei „Jahrhundert-Energiekrisen“ – nach 2021/2022 hat uns aktuell die nächste ereilt. Zerstörerisch wirken sowohl Hochwasser als auch Energiekrisen. Letztere zwar subtiler, dafür aber flächendeckend.

Preisliche Verwerfungen bei Öl und Gas fressen sich nicht nur in Haushaltsbudgets, sondern auch in die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und die Inflation - und mit der Inflation in viele andere Lebensbereiche, die mit dem VPI valorisiert sind. Nicht zuletzt nagen die Energiekrisen auch am Budget von Bund, Ländern und Gemeinden, weil Maßnahmen zur Dämpfung der Effekte finanziert werden müssen.

Österreich zahlt bei Energiekrisen volkswirtschaftlich noch immer drauf

Mit dem Auslagern unserer Energieversorgung an andere Länder haben wir auch ein Stück weit die Kontrolle abgegeben und das bekommen wir mit jeder Krise neu zu spüren:
Denn wenn Öl- und Gaspreise steigen, dann profitieren vor allem Länder, die Öl und Gas exportieren. Jene, die Öl und Gas importieren, müssen mehr für den Import zahlen. Österreich importiert mehr als 90% des Bedarfs an Gas und 95% bei Öl. Im Schnitt der letzten 10 Jahre hat Österreich netto 10 Milliarden Euro pro Jahr für den Import fossiler Energie ausgegeben. Im Krisenjahr 2022 war es sogar fast doppelt so viel. Dass die Abflüsse von Kaufkraft auch 2026 wieder höher sein werden als etwa 2025, ist wahrscheinlich. Das Ausmaß richtet sich nach dem weiteren Verlauf des Golfkriegs und der de facto Blockade der Straße von Hormus.

Aber: Wir sind nicht ausgeliefert, sondern können handeln

Um uns in Zukunft noch besser vor Hochwasser zu schützen und potenzielle Auswirkungen abmildern zu können, investieren die öffentliche Hand, Unternehmen und Privatpersonen viel Geld. Auch künftigen Öl- und Gaskrisen können wir vorbeugen und unsere Risikoposition verbessern, indem wir heute vorsorgen: Die Energiewende ist dafür der Schlüssel.

Es geht um den sukzessiven Ausstieg aus importierter fossiler Energie bei gleichzeitigem Einstieg in heimische, erneuerbare Energie einschließlich eigener Gasproduktion, sowie um starke Elektrifizierung, Energieeffizienz, Flexibilisierung und den Ausbau resilienter Infrastruktur für Strom, Gas und andere Energieträger.

Sichere, saubere und leistbare Energie durch intelligentere Nutzung und mehr Eigenerzeugung

Dass wir uns von Öl- und Gasimporten unabhängiger machen, ist also nicht nur eine Frage der Versorgungssicherheit und strategischen Autonomie. Es ist nicht nur die Antwort auf die Frage, wie wir unser Energiesystem zukunftsfähig aufstellen, um einen Beitrag zur Erreichung von Klimazielen zu leisten. Es ist zuallererst eine volkswirtschaftliche Frage: Denn so sicher wie ein nächstes Hochwasser, ist auch das Auftreten einer neuen Versorgungs- und Preiskrise bei Öl und Gas. Das Potenzial für mehr Unabhängigkeit liegt bei erneuerbarer Energie. Im Gegensatz zu den Preiskrisen der 1970er-Jahre gibt es heute mit Wärmepumpen, Batteriespeichern, Photovoltaik-Anlagen und Elektrofahrzeugen eine Reihe an marktreifen Technologien, die – in Kombination mit Fernwärme, Bioenergie, Wasserkraft, Windkraft und anderen Bausteinen – das Energiesystem wesentlich resilienter gegenüber Preis- und Lieferschocks machen können.

Der eingeschlagene Weg in Richtung Erneuerbare zeigt sichtbare Erfolge

Um unsere Energieversorgung sicherer, sauberer und leistbarer aufzustellen, braucht es keinen radikalen Kurswechsel. Österreich hat schon vor vielen Jahren den richtigen Weg eingeschlagen und diese Zahlen bestätigen das:

  • 2024 um 23 % weniger Ölverbrauch als 2005 (inkl. Ölprodukte wie Benzin, Diesel usw.)
  • 2024 nur mehr halb so viele Ölheizungen in Österreich wie 2005
  • Rückgang der Gasheizungen zwischen 2020 und 2024 um 11%
  • 2024 um 28 % weniger Gasverbrauch als 2010 (gemäß Energiebilanz)
  • 2024 Rückgang des Verbrauchs von Kohle um 30% seit 2010, keine Kohleheizungen mehr
  • 2025: Verdopplung der installierten Kapazität bei Windkraft gegenüber 2014
  • 2025: Zubau von 10.000 Megawattpeak an Photovoltaik-Modulleistung seit 2016
  • Verdreifachung der Produktion von erneuerbarer Fernwärme seit 2005
  • 2025 Verdreifachung der Neuinstallation von Wärmepumpen gegenüber 2010
  • Anteil von 25% von Elektroautos an neu zugelassenen Pkw im März 2026, ein Plus von 34% gegenüber März 2025

Ein konkretes Beispiel, wie die Energiewende bereits wirkt: Weil die besonders frühlings- und sommerstarke Stromerzeugung aus Erneuerbaren (Wasserkraft, Photovoltaik) in den letzten Jahren so stark gewachsen ist, übertragen sich die nun gestiegenen Gaspreise nicht mehr ungedämpft auf den Strompreis. Und so kommt es, dass, obwohl der durchschnittliche Börse-Gaspreis in Österreich gegenüber Jänner 2026 um mehr als 35% gestiegen ist, der durchschnittliche Börse-Strompreis im bisherigen April (1. bis 13.) um 35% gesunken ist.

Für eine stärkere Entkopplung von Gas- und Strompreisen auch in den Abend- und kälteren Herbst-/Winterstunden ist der Ausbau von Wind- und Wasserkraft, vielen Speichern und anderen Flexibilitäten sowie der Abbau von Engpässen im Stromnetz wesentlich.

Jetzt entscheidend: Kurs halten und Tempo erhöhen

Angesichts der stürmischen Zeiten ist es herausfordernd, Kurs zu halten, aber es ist die wichtigste Vorsorge für den nächsten fossilen Energiepreisschock – und der wird fix kommen. Den eingeschlagenen Weg zu mehr heimischer Energieerzeugung und sauberer Technologie fortzuführen bedeutet auch, bereits getätigte Investitionen aufzuwerten und der aktuell eingetrübten Wirtschaftslage mit dem „Konjunkturprogramm Energiewende“ Auftrieb zu verleihen. Doch wir müssen an Tempo zulegen – und zwar massiv:
Das betrifft vor allem den gesetzgeberischen Rahmen – ob in Form von Genehmigungsverfahren (EABG, Behördenausstattung), Entscheidungsfindungsprozessen (Berg- und Wasserrecht bei Geothermie, Wohnrecht bei der Wärmewende), die Transformation der Gaswirtschaft (GWG, EGG), die Umsetzung des ElWG (Flexibilisierung von Einspeisung und Verbrauch, Integration von Speichern, Digitalisierung von Netzen) und den langfristigen Planungsrahmen für die Zeit nach 2030 (EAG-Novelle und ÖNIP).

Wenn wir Energieerzeugung ins Land holen, wird sie sichtbarer

Wenn wir uns die Kontrolle über unsere eigene Energieversorgung wieder zurückholen – und ja, das sollten wir unbedingt machen – dann heißt das auch, dass Energieproduktion wieder näher an uns heranrückt und sichtbarer wird: Windräder, Stromleitungen, Pumpspeicher, Bohrlöcher, PV-Anlagen und Container mit Batterien. Dazu müssen wir bereit sein. Entscheidend ist also auch, dass wir Überzeugungsarbeit leisten. Als wissenschaftliche Institutionen, Industrieunternehmen, Energiewirtschaft, Regulierungsbehörden – vor allem aber auch durch politische Vertreter in Bund, Ländern und Gemeinden, die die Energiewende glaubhaft als den österreichischen Weg vermitteln und entsprechend handeln: Im Konkreten bei der Ausweisung von Flächen für Windkraft und Photovoltaik oder bei der Einbindung und Beteiligung der Bevölkerung bei Energiewendeprojekten sowie mit einer starken und überzeugenden Stimme dafür, dass wir unsere eigene Energieversorgung – die Lebensader für Wirtschaft, Mobilität und Wohnen – selbst in die Hand nehmen.

  • Christoph Dolna-Gruber

    Strategie & Business Development, Austrian Energy Agency