Gastbeitrag: Energiegemeinschaften als dezentrale Energieversorger der Zukunft

Magdalena Gerzer

Österreich ist eines der ersten Länder in der EU, welches Energiegemeinschaften umgesetzt und damit einen wichtigen Meilenstein für die Energiewende gelegt hat. Eigenerzeuger*innen und Endverbraucher*innen können aktiv am Energiemarkt teilnehmen, indem sie lokale, erneuerbare Energie untereinander handeln, gemeinsam erzeugen und verbrauchen. Energiegemeinschaften gewinnen zunehmend an Bedeutung und entwickeln sich hin zu dezentralen Energieversorgern der Zukunft.

begrünte PV-Anlage auf einem Dach
PV-Aufdach-WienEnergie
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Was bisher geschah: Österreich als Vorreiter für Energiegemeinschaften

Mehr als drei Viertel der europäischen Treibhausgasemissionen entstehen durch die Erzeugung und den Verbrauch von Energie. Der Green Deal, d.h. das Erreichen der Klimaziele bis 2030 bzw. der Klimaneutralität bis 2050, ist daher ein zentrales Anliegen der Europäischen Union zur Bekämpfung von Klimawandel und Umweltzerstörung. Ein paneuropäisches Vehikel zur Steigerung von Energieversorgung durch lokale erneuerbare Quellen sind sogenannte Energiegemeinschaften. Diese ermöglichen unterschiedlichen Akteuren wie Bürger*innen, Gemeinden und Unternehmen sich zusammenzuschließen, um Energie (also StromWärme oder Gas) aus erneuerbaren Quellen gemeinsam zu erzeugen, zu speichern, untereinander zu handeln und zu verbrauchen.

Österreich war eines der ersten Länder in der EU, welches die Renewable Energy Directive (RED II) in die nationale Gesetzgebung übernommen hat. Mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) wurden Energiegemeinschaften im Juli 2021 in Österreich eingeführt. Diese können unterschiedliche Formen annehmen (abhängig von der Netzebene): Von der Gemeinschaftlichen Erzeugungsanlage (GEA) im Wohnhaus, über lokale und regionale Erneuerbare Energiegemeinschaften (L-EEG und R-EEG) bis hin zu österreichweiten Bürgerenergiegemeinschaften (BEG). Je nach Form der Energiegemeinschaft profitieren Mitglieder von reduzierten Netzentgelten, Steuern und Abgaben. Energiegemeinschaften legen ihren Strompreis gemeinsam fest und werden dadurch unabhängig vom Strommarkt. Dies war ein wichtiger Meilenstein, um es Eigenerzeuger*innen und Endverbraucher*innen zu ermöglichen, aktiv am Energiemarkt teilzunehmen und damit die Dezentralisierung und den Übergang zu nachhaltiger Energieversorgung zu fördern.

Regulatorische und technische Rahmenbedingungen für Energiegemeinschaften

Neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen wurde in Österreich ein Fokus auf den Aufbau eines Ökosystems rund um Energiegemeinschaften gelegt, welches die Vernetzung von unterschiedlichen Akteur*innen ermöglicht. So wurde beispielsweise die österreichische Koordinationsstelle sowie entsprechende Beratungsstellen in den einzelnen Bundesländern aufgesetzt, welche als zentrale Ansprechpartner für Energiegemeinschaften dienen. Damit konnten Eintrittsbarrieren reduziert, sowie die Umsetzung vereinfacht und beschleunigt werden.

Auch die notwendigen technischen Voraussetzungen wurden realisiert. Netzbetreiber sind verpflichtet, Teilnehmer*innen von Energiegemeinschaften mit intelligenten Messgeräten (Smart Metern) auszustatten. Dies ermöglicht es, Stromerzeugung und -verbrauch präzise zu erfassen und eine korrekte Energiezuordnung und Abrechnung innerhalb der Energiegemeinschaft durchzuführen. Des Weiteren wurden entsprechende Prozesse in der Marktkommunikation festgelegt und wichtige technische Schnittstellen geschaffen. So vereinfacht das EDA Anwenderportal beispielsweise den Datenaustausch zwischen Energiegemeinschaften und Netzbetreiber, sowie Dienstleistern.

All dies hatte zur Folge, dass schon Ende 2021 die ersten Energiegemeinschaften in Österreich gegründet wurden. Pioniere in der Umsetzung von Energiegemeinschaften waren vorrangig Gemeinden und Kommunen, die die Chancen von Energiegemeinschaften als Modell der Dezentralisierung, Versorgungssicherheit und Preisstabilität erkannt haben. Je nach Modell der Umsetzung treten Gemeinden und Kommunen als Enabler für aktive Partizipationsmodelle der Bürger*innen auf. Neben Gemeinden und zahlreichen Forschungsprojekten waren auch einzelne private Initiativen Vorreiter. Im Zusammenschluss mit Nachbarschaften konnten so in kürzester Zeit viele regionale und lokale Energiegemeinschaften umgesetzt werden. Mittlerweile gibt es in Österreich rund 1.000 aktive Energiegemeinschaften (GEA; EEG und BEG), über alle Bundesländer hinweg verteilt. Allein im letzten Jahr hat sich diese Zahl verzehnfacht. Dies zeigt eine sehr hohe Dynamik am Markt und eine steigende Nachfrage nach dezentralen Modellen. Insbesondere die Photovoltaik (PV) steht als erneuerbare Energiequelle im Fokus. Doch auch die Einbindung von Kleinwasserkraft und Windkraft in Energiegemeinschaften gewinnt zunehmend an Bedeutung.

Ausblick 2024: Neue dezentrale Anwendungsfälle

Der österreichische Gesetzgeber treibt die Dezentralisierung der Energieversorgung weiter voran und schafft neue Gestaltungsmöglichkeiten für Bürgerbeteiligungsmodelle und Energiegemeinschaften. So wird beispielsweise mit April 2024 die Mehrfachteilnahme an Energiegemeinschaften umgesetzt. Ein Zählpunkt kann somit gleichzeitig an bis zu 5 Energiegemeinschaften auf unterschiedlichen Ebenen (lokal, regional, national) teilnehmen. Dies bedeutet, dass Erzeuger*innen Überschüsse, die trotz Eigenverbrauchs-Optimierung anfallen, von der untersten Ebene jeweils der höheren Ebene weitergeben können und Verbraucher*innen in Zeiten der Knappheit vom Strombezug aus der jeweils höheren Ebene profitieren. Die lokal erzeugte erneuerbare Energie, die aufgrund ihrer Volatilität zu dem Zeitpunkt verfügbar ist, wird nach Möglichkeit auch lokal verbraucht, was die damit verbundene Energieeffizienz steigert, die sich aus der Nutzung von Energiegemeinschaften ergibt.

Eine Modernisierung und Anpassung an aktuelle Entwicklungen in der Energiebranche ist durch die geplante Reform des Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) zu erwarten. Durch die Einführung von dynamische Stromtarifen und Peer-to-Peer-Verträge könnte die Rolle der Bürgerenergie weiter gestärkt werden. In Zusammenhang mit der zunehmenden Integration von SpeichernLadesäulen oder Wärmepumpen entstehen neue Anwendungsfälle in der Flexibilitätsvermarktung.

Die dezentrale Energieversorgung, Bürgerbeteiligungsmodelle und Energiegemeinschaften werden immer wichtiger. Der aktuelle Energiemarkt steht einem Wandel bevor, der auch die Rolle von Energieversorgungsunternehmen verändert. Es entwickeln sich neue Player am Markt und dezentrale Modelle und Energielösungen können sich zunehmend etablieren.

Zukünftige Rolle von Energieversorgern

Energieversorger können in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle spielen und die Energiewende weiter vorantreiben, indem sie die Infrastruktur zur Verfügung stellen, welche dezentrale Modelle wie unter anderem Energiegemeinschaften unterstützt. Mit „Energiegemeinschaften powered by Wien Energie“ hat Wien Energie eine entsprechende Lösung auf den Markt gebracht. Diese ermöglicht es Energiegemeinschaften voll digital, einfach und transparent zu gründen und zu verwalten. Der Service steht in ganz Österreich zur Verfügung, ohne Initialkosten und mit einem voll variablen Preismodell abhängig vom Strombezug aus der Energiegemeinschaft. Zukünftig sind weitere Services geplant, welche es Kund*innen ermöglichen, noch mehr von Bürgerenergie zu profitieren.

Gemeinsam mit Vienna Insurance Group (VIG) und Wien Energie wurde Ende 2023 Österreichs leistungsstärkste Energiegemeinschaft umgesetzt. Durch die Energiegemeinschaft werden mehr als die Hälfte aller VIG-Standorte mit grüner Energie versorgt, auch jene Objekte, die über keine direkte Energieerzeugung verfügen. Mit einer Gesamterzeugung von rund drei Gigawattstunden grüner Energie pro Jahr aus Sonnen- und Windkraft, besitzt die Energiegemeinschaft ein sehr hohes Erzeugungsvolumen. Beispiel für weitere Energiegemeinschaften, die durch Wien Energie unterstützt werden, ist die Gemeinde Leobersdorf. Die Kommune konnte durch die Energiegemeinschaft einen Autarkiegrad von 45% und Kosteneinsparungen von 50% erzielen.

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