Gastbeitrag: Die Atomkraft ist gescheitert

Reinhard Uhrig

Auch zehn Jahre nach Fukushima sind das Sicherheitsproblem von AKWs und die Atommüll-Frage weiterhin ungelöst. Mittlerweile ist die Atomkraft aber bereits weit teurer als erneuerbare Erzeugungstechnologien, wie Reinhard Uhrig von GLOBAL 2000 in einem Gastbeitrag vorstellt.

Atomkraft Anlage
Viktor-Kiryanov-Atomkraft-Usp
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Die Atomkraft ist gescheitert

Atomkraft ist eine gescheiterte Technologie des vergangenen Jahrhunderts, die ohne massive öffentliche Subventionen noch nie gebaut wurde und marktwirtschaftlich nicht wettbewerbsfähig ist, ganz zu schweigen von ihren ungelösten Sicherheitsproblemen und der auch weiterhin ungelösten Atommüll-Frage. Die Zahl der Atom-Reaktoren weltweit stagniert seit langem – derzeit laufen 443 Reaktoren, die mangels substantiellen neuen Inbetriebnahmen im Durchschnitt immer älter werden, derzeit schon über 30 Jahre. In den letzten Jahren wird daher von der Atom-Lobby vermehrt das Argument der angeblichen „Klimafreundlichkeit“ von Atomkraft ins Rennen gebracht, um diesen Niedergang mittels weiterer öffentlicher Subventionen doch noch umzukehren.

Vier Gründe warum die Atomkraft keine Zukunft hat

  1. Ein Ziel in der akuten Klimakrise ist es, die globale Energieversorgung zu dekarbonisieren – also nicht nur in einzelnen Staaten.Der Beitrag der Atomenergie zur weltweiten Energieversorgung ist jedoch minimal – und fallend: lieferten Atomkraftwerke im Jahr 1996 noch 15,5 % des weltweiten Stroms, sind es heute nur noch 10,35 % – oder 4,4 % der Primärenergie. Ein tatsächlich substantieller Beitrag von Atomenergie wäre nur mit einem massiven Neubau-Programm möglich und müsste die Reaktor-Zahl in kurzer Zeit vervielfachen – dazu fehlt derzeit die Kapazität.
  2. Ein weiteres Ziel ist aber, möglichst rasch zu dekarbonisieren – laut Wissenschaft bleiben uns noch 10 Jahre, um entschlossene Schritte gegen die fortschreitende Erwärmung zu setzen. Atomkraft ist allerdings selbst unter besten Bedingungen – und dem massiven Ausbau von Kapazitäten –  zu langsam für diesen Zeithorizont: Neue Reaktoren sind erst mehr als 20 Jahren nach Projektbeginn verfügbar – vom Planungsbeginn bis zu Bau und Inbetriebnahme.
  3. Die CO2-Bilanz der gesamten Uranbrennstoff-Kette von Erzförderung, Uran-Anreicherung, Brennelemente-Fertigung, Bau, Betrieb und Abriss von Reaktoren bis hin zur (ungelösten) Atommüll- Lagerung verursacht ungefähr 88—146 g CO2 pro Kilowattstunde.Im Vergleich zu Erneuerbaren ist dies weitaus höher als z.B. Windkraft mit 2,8—7,4 g CO2 oder Solar mit 19—59 g CO2 – es sollten natürlich möglichst CO2-sparsame Technologien eingesetzt werden, um möglichst stark zu dekarbonisieren.
  4. Schlussendlich sind Atomkraftwerke aber nicht in der Lage, möglichst kosteneffizient CO2 zu reduzieren, was in einer krisengebeutelten Welt dringend notwendig ist – Atomkraftwerke sind wesentlich teurer zu bauen (und zu betreiben) als die schneller und sicherer zu errichtenden Erneuerbaren, die noch dazu in den letzten zehn Jahren 70 % (Windkraft) bzw. 89 % (Solar) billiger geworden sind.

Warum der Mythos der billigen Atomkraft nicht hält

Die Unwirtschaftlichkeit von Atomkraft wurde schon oft belegt, nun einige Zahlen von Quellen, die sicher nicht als „atomkritisch“ verdächtig sind:

Die US Investmentbank Lazard veröffentlicht jährlich ihre Levelized Cost of Electriticy-Berichte zu den Gestehungskosten verschiedener Stromerzeugungs-Technologien – aus einer Investoren-Perspektive, die schlicht den größten Return on Investment sehen wollen. Lazard kommt zum Schluss, dass Atomkraft – mit derzeit zwischen 129 und 198 US-Dollar pro Megawattstunde – weit über den Kosten für Erneuerbare wie Gemeinschafts-Solarkraftwerke (63–94 $) geschweige denn großer Solarkraftwerke (29–38 $) oder Windkraft (26–54 $) liegt.

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Die Internationale Energie Agentur (IEA World Energy Outlook 2020) ergänzt diesen Gestehungskosten-Vergleich noch um den Faktor der System-Dienlichkeit: Flexibilität, verschiedene Betriebscharakteristika, Grundlastfähigkeit versus Volatilität werden ebenfalls mit einbezogen. Auch das Ergebnis dieses „Value-adjusted Levelized Cost of Electricity“ (VALCOE) ist vernichtend für Atomkraft: Für die EU im Jahr 2019 berechnet die Agentur Kosten für Atom in Höhe von 145 US-Dollar pro Megawattstunde – für Solar 85 $, für Windkraft auf Land 80 $ und selbst für Offshore-Windkraft 115 $.

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Weltweit ist das Bild nicht anders. Tatsache ist also, dass der Neubau von Atomkraftwerken nicht wettbewerbsfähig ist – und dies in den Projektionien der Internationalen Energie-Agentur, trotz angenommener (aber nicht belegter) technologischer Fortschritte, auch im Jahr 2040 nicht sein wird.

Zunehmend werden selbst bestehende, eigentlich wirtschaftlich bereits abgeschriebene Reaktoren aus finanziellen Gründen vor Ablauf ihrer Betriebsgenehmigung stillgelegt, weil auch sie nicht mehr auf einem Markt mit immer günstiger werdenden Erneuerbaren konkurrenzieren können – besonders in den USA ist dies der Fall.

Kostenwahrheit sichert Atom-Ausstieg

Einige (wenige) Länder versuchen, dem wirtschaftlichen Trend mit großen Mengen Steuergeld entgegenzuwirken und ihre gescheiterte nationale Atom-Industrie künstlich am Leben zu halten – auf Basis eines völlig veralteten Gründungsvertrags der EU, des EURATOM-Vertrags, ist diese Wettbewerbsverzerrung laut Europäischem Gerichtshof zulässig.

Nur tatsächliche Kostenwahrheit und eine soziale und ökologische Reform des Steuer- und Abgabensystems kann hier Bremsblöcke lösen, die durch veraltetes Denken und veraltete Verträge den immer günstiger werdenden Alternativen wie Energieeinsparung (deren Potenziale hoch sind) und einer naturverträglichen und demokratischen Energiewende in den Weg gelegt werden:

Wenn Förderungen für fossile und nukleare Stromerzeugung abgeschafft und alle Folgekosten dieser schmutzigen Energien eingerechnet werden, schaffen wir rasch den Fossil- und Atom-Ausstieg und den Umstieg auf 100 % Erneuerbare Energie.

  • Reinhard Uhrig

    Leitung Politik und Presse, Global 2000 / WWF