Einigung zur deutschen Kraftwerksstrategie

Ela Mešinović

Seit Jahren wird sie in Deutschland diskutiert und politisch verhandelt, nun soll sie umgesetzt werden: Die deutsche Kraftwerksstrategie und der Ausbau neuer Kraftwerkskapazitäten. Doch was genau beinhaltet sie? Und wie steht es um eine vergleichbare Kraftwerksstrategie in Österreich?

Kraftwerk Simmering bei Nacht© Wien Energie

Das Problem

In Anbetracht des deutschen Kohleausstiegs, der verbindlich für 2038 angesetzt ist und möglichst früher erreicht werden soll, steht das Nachbarland vor der großen Herausforderung einer nicht unbedeutenden Kapazitätslücke in den 2030er Jahren. Diese muss durch dekarbonisierte Kapazitäten geschlossen werden.

Deutschland will diese Herausforderung mit einer Kraftwerksstrategie adressieren. Diese soll einen strategischen Ausblick auf den Kraftwerkspark der Zukunft geben und Planungssicherheit für notwendige Investitionen schaffen. Denn Kraftwerksbetreiber stehen vor einer schwer lösbaren Aufgabe: Versorgungssicherheit in einem zunehmend volatilen Energiesystem unter Berücksichtigung der Dekarbonisierungsziele bereitzustellen, während der bestehende Energy-Only-Markt keine ausreichenden Investitionsanreize für den Zubau flexibler, klimaneutraler Kraftwerke bietet.

Die Kraftwerksstrategie als Lösung

Eine Kraftwerksstrategie beschreibt die langfristige Planung und Steuerung der Kraftwerksleistung eines Landes mit dem Ziel, eine sichere, wirtschaftliche und nachhaltige Stromversorgung zu gewährleisten. Sie umfasst strategische Entscheidungen über den Bau, die Stilllegung, die Modernisierung und den Betrieb von Kraftwerken unter Berücksichtigung der Energietransformation.

Ziel der Strategie ist es, die Versorgungssicherheit sicherzustellen, indem zu jedem Zeitpunkt ausreichend geeignete Erzeugungskapazitäten zur Deckung des Strombedarfs zur Verfügung stehen. Dabei kann die Strategie auch den Ausbau bestimmter Technologien konkretisieren und so langfristige Planungssicherheit schaffen. Der Bau neuer Kraftwerke kann über unterschiedliche Finanzierungs- und Fördermechanismen incentiviert werden.

Die Kraftwerksstrategie im Zeitverlauf

Bereits im Sommer 2023 wurden erste Eckpunkte einer Kraftwerksstrategie vorgestellt. Damals war noch der Zubau von rund 23,5 GW neuer Kapazität vorgesehen. Da es sich bei der Kraftwerksstrategie um staatliche Unterstützung handelt, ist jedoch jedenfalls eine beihilferechtliche Genehmigung der Europäischen Kommission erforderlich. Diese wird üblicherweise bereits in einer frühen Phase der Ausgestaltung eingebunden, um ein unionsrechtskonformes Design zu entwickeln, das anschließend gesetzlich verankert werden kann.

Nach weiteren politischen Verhandlungen, auch innerhalb der Regierungskoalition, wurde mit dem Vorschlag eines Kraftwerkssicherheitsgesetzes im Jahr 2024 erstmals der Versuch unternommen, die ausgearbeiteten strategischen Überlegungen in einen konkreten Gesetzesvorschlag zu überführen. Nach dem Zerfall der Bundesregierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz im November 2024 musste die Ausgestaltung der Strategie jedoch neu verhandelt werden.

Die neue Kraftwerksstrategie

Nach zahlreichen Konsultationen und Expert*innen-Meinungen scheint es nun eine Einigung in puncto Kraftwerksausbau zu geben:

2026 - 12 GW Ausschreibungen: 10 GW sollen einen Langfristkriterium obliegen (= die bezuschlagten Kapazitäten müssen über einen längeren Zeitraum am Stück Strom erzeugen können) und 2031 in Betrieb gehen. Weitere 2 GW werden technologieoffen ausgeschrieben. Hierfür kommen vor allem Speicher in Frage.

2027, 2029/2030 – weitere Ausschreibungen: steuerbare Kapazitäten, die ebenfalls bis 2031 in Betrieb gehen sollen. Hiervon sind auch Bestandsanlagen umfasst.

Alle Kraftwerke müssen wasserstofffähig und bis 2045 dekarbonisiert sein.
Zusätzliche Maßnahmen sollen einen vorzeitigen Umstieg auf Wasserstoff anreizen: Ab 2027 sollen Ausschreibungen durchgeführt werden können, die u.a. Differenzverträge für die zusätzlichen Brennstoffkosten vorsehen.
Ab 2027 soll ein Kapazitätsmarkt eingeführt werden, der ab 2032 ausreichend steuerbare Kapazitäten sicherstellt. Mit dem Kapazitätsmarkt wird somit ein Langfristmechanismus geschaffen, um Versorgungssicherheit marktlich in unser Energiesystem zu integrieren. Die Eckpunkte des Vorschlags müssen nun in ein Gesetz gegossen werden, um von der EU-Kommission abschließend genehmigt zu werden.

Die österreichische Situation

Auch in Österreich steigt der potenzielle Bedarf an gesicherten Kapazitäten. Bis 2040 ist mit einer deutlichen Erhöhung der Stromnachfrage zu rechnen. Gleichzeitig gehen erhebliche Mengen an bestehender Kraftwerkskapazität vom Netz. Ein Blick auf die europäische Abschätzung der Angemessenheit der Ressourcen ERAA 2025 zeigt erstmals für das Jahr 2035 eine vergleichsweise hohe Kapazitätslücke für Österreich auf. Ohne rechtzeitige Maßnahmen droht künftig eine Versorgungslücke.

Das Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und NEOS kündigt daher ebenfalls die Erarbeitung einer Kraftwerksstrategie an. Diese sollte unter Berücksichtigung der vorhandenen Netzkapazitäten klar ausweisen, wie viele Kapazitäten an welchen Standorten und in welchem Zeitrahmen errichtet werden sollen. Auch hier kann die Strategie den Ausbau bestimmter Technologien konkretisieren und damit langfristige Planungssicherheit schaffen.

Eine frühzeitige und integrierte Planung im Rahmen einer österreichischen Kraftwerksstrategie ist entscheidend, um Investitionen in die Versorgungssicherheit zu ermöglichen. Durch einen Ansatz, der Netzausbau, Speicher und erneuerbare Energien gemeinsam betrachtet, kann zudem eine kosteneffiziente Finanzierung des Energiesystems der Zukunft sichergestellt werden.

Wien Energie Podcast: Warum Reservekraftwerke für die Energiewende unverzichtbar sind

In der aktuellsten Folge des "Energievoll"-Podcasts vom 22. Jänner 2026 diskutieren Branchen-Expert*innen u. a. darüber, welche Rollen Dunkelflauten, flexible Kraftwerke und ein möglicher Kapazitätsmarkt für die Versorgungssicherheit spielen. Reinhören lohnt sich!

Mit dabei sind Tara Esterl und Stefan Strömer vom Austrian Institute of Technology, Aria Rodgarkia-Dara von Frontier Economics und WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr. Im Hauptgespräch spricht Barbara Fleißner mit Stefanie-Marie Rupprecht und Sebastian Erler von Wien Energie über die Kraftwerksstrategie für ein klimaneutrales und krisenfestes Wien.