Wir haben mit Linda Kirchberger darüber gesprochen, welche Entwicklungen es im Bereich erneuerbarer Wasserstoff gibt und welche Projekte Wien Energie hierzu plant.

Linda Kirchberger ist seit August 2022 die Leiterin des Bereichs „Asset Dekarbonisierung und neue Technologien“ bei Wien Energie. Somit verantwortet sie die nachhaltigen Assets zur Dekarbonisierung der Fernwärmeerzeugung. Außerdem bündeln sich in diesem Geschäftsbereich sämtliche Forschungs- und Umsetzungsinitiativen rund um das Thema erneuerbarer Wasserstoff. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, welche Entwicklungen es im Bereich erneuerbarer Wasserstoff gibt und welche Projekte Wien Energie bereits umgesetzt hat.
Ein Hydrogen Valley ist ein geografisches Gebiet, in dem klimaneutraler, Grüner Wasserstoff produziert, transportiert und lokal von Abnehmer*innen wie Industriekund*innen, Mobilitätskund*innen und Kraftwerken genutzt wird. Ziel dieser Initiative ist es, die Wasserstoffwirtschaft auf regionaler Ebene aufzubauen und als Vorzeigemodell für andere Regionen zu dienen. In Österreich sollen in den nächsten Jahren drei solcher Hydrogen Valleys entstehen.
Mit dem Projekt „H2REAL“ haben sich 17 führende Organisationen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung für ein Ziel zusammengeschlossen: Den koordinierten Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft im Osten Österreichs. Unter der Leitung von Wien Energie setzen die Projektpartner im Rahmen von „H2REAL“ unterschiedliche Projekte um und stellen Modellierungen an, wie der Hochlauf der Wasserstofferzeugung und -nutzung gelingen kann. Das Projekt wird gemeinsam mit dem Verein WIVA P&G im Rahmen der Vorzeigeregion "Energie" umgesetzt und hat ein Projektvolumen von rund 4,5 Millionen Euro. Rund 2,6 Millionen Euro davon werden aus den Mitteln des Klima- und Energiefonds gefördert. Mit „H2REAL“ wollen die Partner in der Ostregion Österreichs – Wien, Niederösterreich, Burgenland und Steiermark – effizient und koordiniert dazu beitragen, Wasserstoff wirtschaftlich sinnvoll nutzbar zu machen. Dazu gehören sowohl die Produktion des grünen Energieträgers mittels Elektrolyse, die Verteilung über Trailer oder Leitungsnetze bis hin zur Anwendung von Grünem Wasserstoff in den Bereichen Industrie, Mobilität und Energie.
Die Erkenntnisse aus dem Projekt dienen in erster Linie dem Aufbau eines Hydrogen-Valleys – einer regionalen Wasserstoffwirtschaft in der österreichischen Ostregion. Für die Projektpartner ist klar, dass der Aufbau eines solchen Valleys aber nur gelingen kann, wenn diese vernetzt und über die Bundesländer- und Landesgrenzen gedacht werden.
Dazu stehen sie in engem Kontakt mit anderen nationalen und internationalen Hydrogen Valleys, um Wissen und Erfahrungen auszutauschen. In Zukunft wird auch der Wasserstofftransport zwischen den Valleys über Wasserstoff-Korridore ermöglicht, die Handel und Transport via Pipelines, Straßen, Wasser oder Schienen fördern. Dieses Konzept wird weltweit umgesetzt und durch die europäische Förderschiene unterstützt.
Wien Energie hat 2021 Österreichs erste Wasserstoff-Tankstelle für Busse und LKWs in Leopoldau in Betrieb genommen. Mit 100% Grünem Wasserstoff. Mit der Tankstelle stellen wir sicher, dass Schwerlast-Fahrzeuge in Wien problemlos sowohl mit 350 als auch 700 bar betankt werden können.
Diese Tankstelle sowie die zweite, neu errichtete Wasserstoff-Tankstelle in Simmering (Campus Wiener Netze) versorgen die Wasserstoff-Busse der Wiener Linien sowie die Wasserstoff-Fahrzeuge der Wiener Stadtwerke mit Grünem Wasserstoff. Weitere Unternehmenskund*innen der Wien Energie nutzen diese leistungsstarken Tankstellen, um ihre Fahrzeugflotten klimafreundlich zu betrieben.
Im Jahr 2024 wurde in Wien Simmering ein Stück Wien Energiewende Geschichte geschrieben. Wien Energie und die Wiener Netze nehmen die erste Wiener Erzeugungsanlage für Grünen Wasserstoff in Betrieb. Mit einer Leistung von 3 Megawatt erzeugt die Elektrolyse täglich bis zu 1.300 Kilogramm Grünen Wasserstoff (H2) aus Ökostrom. Die Anlage ist ein weiterer Meilenstein in der Umsetzung der Wasserstoff-Strategie der Wiener Stadtwerke-Gruppe.
Mit dem weltweit ersten Wasserstoff-Betriebsversuch hat Wien Energie unter Realbedingungen den Beweis geliefert, einer großen Gas-und-Dampfturbinen-Anlage Wasserstoff beizumengen. Der umweltfreundliche Energieträger Wasserstoff wurde dem normalerweise eingesetzten Erdgas beigemischt. An einzelnen Testtagen wurde ein Anteil von 15 Volumenprozent Grüner Wasserstoff beigemischt. Der Einsatz von Wasserstoff wurde weltweit erstmals in der bestehenden Infrastruktur eines Wärmekraftwerks getestet. Die Ergebnisse können die Dekarbonisierung des Gassektors maßgeblich vorantreiben und gelten als richtungsweisend für die gesamte Branche. Neben Wien Energie und RheinEnergie waren auch Siemens Energy und Verbund beteiligt, da sie nahezu baugleiche Gasturbinen im Einsatz haben. Wir in der Wien Energie arbeiten bereits jetzt mit voller Energie an den weiterführenden Wasserstoff-Betriebsversuchen um in 2040 klimaneutral Strom und Wärme produzieren zu können und weiterhin die Versorgungssicherheit Wiens gewährleisten zu können.
Um die Energiewende erfolgreich umzusetzen, werden wir sehr große Mengen an Grünem Wasserstoff benötigen. Daher arbeiten wir in der Wiener Stadtwerke Gruppe schon jetzt gezielt am Aufbau der nationalen und internationalen Lieferketten, um sicherzustellen, dass die benötigen Menge an Grünem Wasserstoff in Zukunft sicher und leistbar in Wien zu Verfügung stehen. Hier bündeln wir unsere Bemühungen auch gemeinsam mit Industriepartnern (Hydrogen Import Alliance Austria) und Initiativen von BMK und BMAW (Hydrogen Partnership Austria) um gezielt die Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Hochlauf der österreichischen Wasserstoffwirtschaft ermöglichen.
Grüner Wasserstoff wird als der Hoffnungsträger für eine nachhaltige Energiezukunft gesehen. Ob im Industrie-, Mobilitäts- oder Energiebereich: Der Energieträger ist vielseitig einsetzbar.
Da Wasserstoff ähnlich wie Methan genutzt werden kann, kann Grüner Wasserstoff nach entsprechender technischer Umrüstung in Kraftwerken sowohl zur Strom- als auch zur Wärmeerzeugung eingesetzt werden. Damit wird er zu einem wichtigen Eckpfeiler der Strom- und Wärmewende. Darüber hinaus dient Grüner Wasserstoff als Speichermedium für überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien. Bei Überproduktion kann dieser Strom in Grünen Wasserstoff umgewandelt und gespeichert werden, anstatt die Stromerzeugungsanlagen abzuschalten (Power-to-Gas & Gas-to-Power). Grüner Wasserstoff kann somit als Energiespeicher und Brennstoff genutzt werden.
Ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet ist die Mobilität, insbesondere der Schwerlastverkehr. Grüner Wasserstoff ist besonders für Busse und LKWs relevant, da wasserstoffbetriebene Fahrzeuge im Schwerlastbereich einen besseren Wirkungsgrad als batterieelektrische Fahrzeuge haben, da im Vergleich zu batteriebetriebenen Fahrzeugen mehr Platz und weniger Gewicht durch die Batterien zur Verfügung steht. Grüner Wasserstoff spielt auch in der Industrie eine wichtige Rolle. Nach entsprechender technischer Anpassung kann er ähnlich wie Methan eingesetzt werden und so zur Dekarbonisierung industrieller Prozesse beitragen.
Die Stadt Wien hat sich zum Ziel gesetzt 2040 klimaneutral zu sein und in dieser Transformation zu einer klimaneutralen Smart City spielt Grüner Wasserstoff eine zentrale Rolle.
Die Wasserstoffstrategie der Wiener Stadtwerke unterstützt aktiv die Umsetzung der Smart City Rahmenstrategie der Stadt Wien, die größtmögliche Ressourcenschonung und die Positionierung Wiens als Innovationsführer bis 2030 zum Ziel hat. Diese Strategie konzentriert sich auf mehrere Schlüsselbereiche: Energieversorgung, Mobilität und Verkehr sowie Wirtschaft und Wissenschaft.
Um diese Strategie erfolgreich umzusetzen zu können haben die Wiener Stadtwerke 2020 die Wiener Wasserstoff Gesellschaft (WWG) gegründet und bieten vollintegrierte Lösungen im Bereich Wasserstoff an. Die WWG bündelt alle Kernkompetenzen im Bereich Wasserstoff der Wiener Stadtwerke Gruppe und nutzt gezielt diese Synergie, um die Wasserstoffwirtschaft im Großraum Wien zu gestalten.

Geschäftsbereichsleiterin Asset Dekarbonisierung & Neue Technologien