Drei Fragen an Bernadette Irnberger und Leila Teymournia

Alexander Wallisch

Die Energiewirtschaft ist im Umbruch - und mit ihr die Frage, wer sie in Zukunft gestaltet. Warum es gerade jetzt mehr Frauen in energiewirtschaftlichen Berufen braucht, was sie für eine Karriere in der Branche brauchen und warum diverse Teams längst mehr als ein Nice-to-have sind, erklären Bernadette Irnberger und Leila Teymournia im Interview.

Mikrofon und Kopfhörer© Jonathan Farber

Bernadette Irnberger ist über einen ungewöhnlichen Weg in die Energiebranche gekommen. Ihre Wurzeln liegen in der Alten- und Langzeitpflege, bevor sie - als zweifache Mutter mit 32 Jahren - ihr Studium aufnahm und schließlich über Stationen in der Personal- und Organisationsentwicklung ihre Leidenschaft für die Lehrlingsausbildung fand. Seit fünf Jahren leitet sie bei Wien Energie die strategische technische Lehrlingsausbildung und verantwortet dort alles von der Berufsbildentwicklung über das Recruiting bis hin zur Begleitung der Lehrlinge durch ihre Ausbildungszeit.

Leila Teymournia ist promovierte technische Physikerin und tief in der Welt der Energiesysteme verwurzelt. Bei Wien Energie durchlief sie in über 17 Jahren eine breite Bandbreite an Rollen: von der Projektentwicklung im Bereich regenerativer Erzeugung über die hydraulische Netzplanung bei der Fernwärme Wien bis zur technischen Verantwortung für Wärme- und Kälteanlagen und deren Dekarbonisierung. Zuletzt leitete sie die Gruppe Strategie- und Technologieentwicklung im Bereich Energiedienstleistungen, wo sie die strategische Ausrichtung, Standardisierung und technologische Weiterentwicklung von Kundenanlagen maßgeblich mitgestaltete.

Die Energiebranche steht aktuell vor großen Veränderungen – von der Energiewende bis zur zunehmenden Digitalisierung. Gleichzeitig gilt sie noch immer als eher männlich geprägt. Was braucht es aus eurer Sicht, damit sich mehr junge Frauen für Berufe in der Energiewirtschaft entscheiden? 

Leila: Ich denke, es ist wichtig, zwischen kaufmännischen und technischen Bereichen zu unterscheiden. Im kaufmännischen Umfeld sind Frauen bereits deutlich stärker vertreten als im technischen Bereich. Der geringere Frauenanteil in technischen Berufen hängt dabei weniger speziell mit der Energiewirtschaft zusammen, sondern zeigt sich schon früher im Ausbildungs- und Bildungssystem, da technische Ausbildungs- und Studiengänge insgesamt noch seltener gewählt werden.

Um mehr junge Frauen für technische Berufe in der Energiewirtschaft zu begeistern, braucht es vor allem zwei Ansätze: frühe Orientierung und gezielte Förderung. Das bedeutet, bereits in der Schule Interesse an Technik- und Energiethemen zu wecken, praxisnahe Einblicke zu ermöglichen und inspirierende Vorbilder sichtbar zu machen.

Bernadette: Da stimme ich Leila voll und ganz zu. Es geht um Bewusstseinsbildung hinsichtlich der Möglichkeiten für Frauen in diesem Bereich. Um junge Mädchen für eine technisch handwerkliche Lehre zu begeistern, ist es wichtig ihnen niederschwellig und vor allem auch frühzeitig die Chancenvielfalt näher zu bringen.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind Eltern. Alte Rollenbilder spielen immer noch eine wesentliche Rolle, wenn es darum geht, ob der Wunsch nach einer technisch/handwerklichen Ausbildung unterstützt wird.  Die Mutter eines standhaften Lehrmädchens, das sich zuhause durchsetzen konnte, meinte: “Ich war ja verwundert, dass sie das will, denn ich hätte sie ganz woanders gesehen.” Auch ist die Verwunderung immer wieder sehr groß, wenn Gruppen zu uns ins technische Ausbildungszentrum kommen und unseren Mädchenanteil von 40% wahrnehmen. Es ist besonders wichtig, diesen Fakt nach außen zu tragen, um den Vorbehalt der “Männerwelt” zu entkräften.

Die Energiewirtschaft zählt zu den Branchen, die unsere Zukunft maßgeblich mitgestalten. Was hat Sie persönlich an der Arbeit in der Energiebranche besonders gereizt – und was würden Sie jungen Frauen sagen, die überlegen, einen technischen Karriereweg in dieser Branche einzuschlagen?

Leila: Mich persönlich hat vor allem die Kombination aus technischer Herausforderung, gesellschaftlicher Relevanz, großer fachlicher Vielfalt und dem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit begeistert. Die Energiewirtschaft bietet ein sehr breites Aufgabenspektrum, von der Planung über die Errichtung bis hin zum Betrieb von Anlagen inklusive Systemoptimierung. Darüber hinaus umfasst sie Themen wie Digitalisierung und Datenanalyse sowie strategische Fragestellungen rund um Versorgungssicherheit und zukünftige Energieformen.

Entscheidend ist vor allem das Interesse an technischen Themen und die Bereitschaft, sich in komplexe Fragestellungen einzuarbeiten. Alles Weitere entwickelt sich Schritt für Schritt, sowohl im Studium als auch in der Praxis. Wer Freude daran hat, Zusammenhänge zu verstehen, Prozesse weiterzudenken und neue Lösungen mitzugestalten, findet in der Energiewirtschaft ein spannendes, zukunftsorientiertes und zugleich sehr stabiles Arbeitsumfeld.

Bernadette: Mein Ziel war es nie in der Energiebranche zu arbeiten. Im beruflichen Ursprung komme ich aus der Alten- & Langzeitpflege. Gekommen ist dann alles anders. Von der Organisations- & Personalentwicklung zur Leitung Personalentwicklung und Kommunikation: Auf diesem Weg hat sich die Leidenschaft für die Lehrlingsausbildung entwickelt, worauf ich fortan auch meinen Fokus legte.

Als Leitung der strategischen technischen Lehrlingsausbildung denke ich immer einen Schritt voraus: Welche Berufsbilder braucht das Unternehmen in Zukunft - und welche Kompetenzen stecken dahinter? Das bedeutet enge Abstimmung mit den Fachbereichen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Recruitings gemeinsam mit dem Zentralen Lehrlingsmanagement der Wiener Stadtwerke. Wir entwickeln Konzepte, um mehr Mädchen zu erreichen, für technische Berufe zu begeistern und für das Unternehmen zu gewinnen.

Persönlich ist es mir immer ein Anliegen Dinge weiterzuentwickeln und voranzutreiben – Stillstand ist keine Option. Es begeistert mich, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Es gibt nichts Schöneres, wenn man beobachten kann, wie aus Teenager*innen und jungen Erwachsenen selbstbewusste Persönlichkeiten werden, die im Unternehmen erfolgreich sind.

Die Transformation des Energiesystems bringt komplexe Herausforderungen mit sich. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht Vielfalt – insbesondere mehr Frauen in technischen Teams und Führungspositionen – wenn es darum geht, innovative Lösungen für die Energiezukunft zu entwickeln?

Leila: Um diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern, braucht es Teams, die unterschiedliche Denk- und Herangehensweisen zusammenbringen. Vielfalt entfaltet dabei einen ganz konkreten Mehrwert: Verschiedene fachliche Hintergründe, Erfahrungen und Perspektiven erweitern den Blickwinkel und eröffnen neue Lösungsansätze für komplexe technische Fragestellungen.

Wichtig ist, dass Teams fachlich stark aufgestellt, gut zusammengesetzt und in ihrer Unterschiedlichkeit konstruktiv arbeitsfähig sind. Wenn das gelingt, steigt die Qualität von Entscheidungen und Lösungen spürbar. Das ist eine zentrale Voraussetzung, um innovative und nachhaltige Energiesysteme zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

Bernadette: Vielfalt befruchtet im technischen, handwerklichen wie im sozialen Aspekt der beruflichen Zusammenarbeit. Es sind u. A. oft unterschiedliche Zugänge, die den Blick über den Tellerrand fördern wie bedingen und zu nachhaltige Innovationen führen.